Abeking & Rasmussen – A&R

GEO. GLEISTEIN ist eine Oldtimer-Barkasse aus dem Vegesacker Museumshaven. AVIVA von Abeking & Rasmussen, das erste Schiff, dass in der neuesten Schiffbauhalle entstand und nur mit Hilfe eine Dock-Pontons ins nasse Element gehieft werden konnte.


„Simply the best“

Traditionen bei den Yachten und ihren Eignern „Da könnte man doch einfach die Straße und den Fähranleger verlegen“ – die Idee ist eigentlich gar nicht so schlecht und wer die Politik in der Wesermarsch kennt, weiß, dass bei den Gewerbesteuerzahlern am südlichen Ende des Landkreises manches Unmögliche möglich gemacht wird.

Die Werft Abeking & Rasmussen hat‘s wirklich eng: Auf der einen Seite ein Yachthafen und zur anderen die Zufahrt zu einer der verkehrsreichsten Weserfähren, der zwischen Vegesack und Lemwerder.

Die vorletzte tolle Idee des Familienbetriebes konnte bereits einmal in die Tat umgesetzt werden. Eine 91 Meter lange Yacht, die ausschließlich mit Hilfe eines dockbaren Pontons aus der Schiffbau-Halle gezogen, ins Bremer Wendebecken vor der Einfahrt zu Europahafen verholt und dort erstmals in ihr Element abgesenkt wurde. Wahrhaft ein rekordverdächtiges Unterfangen.

Abeking & Rasmussen steht schon immer für Einfallsreichtum und einen ganz besonderen Kundenkreis.

Als Henry Rasmussen im Jahre 1907 mit seinem damaligen Partner, dem Maschinen­bau‑lngenieur Georg Abeking, die Yacht- ­und Bootswerft „Abeking & Rasmussen“ in Lemwerder gründete, ahnte niemand, dass das Unternehmen an der Unterweser sich weltweit zu einem der ganz Großen im Mega-Yachtbau entwickeln würde. Ras­mussen, 1877 auf der dänischen Insel Fünen geboren, legte damals den Grundstein für den kontinuierlichen Erfolg der Werft, die trotz zweier Weltkriege und Wirtschaftsde­pression und den damit verbundenen Wie­deraufbauschwierigkeiten immer ihrem Ziel treu geblieben ist, Qualitätsarbeit auf höchstem Niveau zu liefern. Heute noch kreuzen legendäre Yachten, die in der Zeit Rasmussens die Werft verließen, in den schönsten Segelrevieren der Welt. Seit Ende der 50er Jah­re wurde das Unternehmen zunächst vom Enkel des Firmengründers, Hermann Schaedla, geleitet, der in Kalifornien aufgewachsen ist und als junger Mann nach Lemwerder kam.

Inzwischen leitet dessen Sohn Hermann jun. das erfolgreiche Unternehmen, das mit ausgefallenen Yachtkonzepten die hochanspruchsvolle Kundschaft überzeugen kann.

Das jüngste Projekt wurde dem Vernehmen nach vom dem französischen Stadtdesigner Philippe Starck entwickelt. Ebenso wie die ebenfalls bei A&R 2007 gebaute erste AVIVA, die „nur“ 68 Meter lang war und in den Linien dem aktuellen Neubau durchaus gleicht. Eigner ist der Milliardär Joe Lewis, dessen Tavistock Group auch Besitzer der Tottenham Hotspurs ist.

Abeking & Rasmussen steht auch für berühmte Segelschiffe. Ob die OPTIMIST die zweimal den Eintonner‑Pokal holte und damit weltberühmt wurde, die ONDINE, die zweifellos erfolgreichste Rennyacht ihrer Zeit, oder die CARINA III, mit der Hans Beilken erstmals für Deutschland den Admi­ral’s Cup holte; sie alle kennzeichnet die un­ver­wech­selbare „Handschrift“ des Unter­nehmens, die im Laufe der Jahrzehnte, dank eige­ner Forschungs­ergebnisse, durch allerlei HighTech-Erkenntnisse stets auf einen aktuellen Stand gebracht wurde. Die OPTI­MIST gehörte übrigens zu den ersten Konstruktionen, die durch ihre Leichtbauweise eine neue Ära im Yachtbau einläutete.

Untrennbar verbunden mit den Mega­-Yachten sind so berühmte Namen wie der des Aga Khan, der 1973 seine Yacht „Kalamonn‘ persönlich in Lemwerder abholte. Oder Fiat-­Chef Giovanni Agnelli, der sich bei A&R 1988 seine „Extra Beat“ bauen ließ. Heute bleiben die Auftraggeber zumeist im Hinter­grund und lassen sich ihre Anonymität sogar vertraglich absichern.

SWATH-Schiff von Abeking & Rasmussen gebaut.

SWATH-Schiff von Abeking & Rasmussen gebaut.

Neben dem Yachtbau bietet A&R seiner Kundschaft auch ganz besondere Innovationen. Das amerikanische Kürzel SWATH steht für „Small Waterplane Twin Hull“ und bezeichnet ein Schiffsrumpf-Prinzip, das am ehesten mit den sogenannten „Halbtauchern“ unter den Bohrinseln vergleichbar ist. Ziel der US-Entwicklung, die Abeking & Rasmussen erstmals in Europa anwendet, ist eine Revolutionierung der Lotsenversetzsysteme, wie sie überall auf der Welt zum Einsatz kommen. Große Katamarane mit einer Länge von 56 Metern und zwei extrem schmalen „Kufenrümpfen“ stabilisieren sich durch torpedoähnliche Auftriebskörper tief im Wasser – dort, wo kein Seegang mehr für Turbulenzen sorgt; Roll- und Stampfbewegungen werden weitgehend vermieden. Die Folge: Arbeiten und Leben auf diesen Versorgungs- und Versetzfahrzeugen, von denen die „Elbe“ als erstes in Dienst gestellt wurde, sind leichter und erlauben längere Verweilzeiten.

Mit diesen und anderen Entwicklungen trug Abeking & Rasmussen dazu bei, die Region um Vegesack und Lemwerder zum größten und wichtigsten Spezialschiffbauzentrum der Welt wachsen zu lassen.

Absicht der Werft war stets, Monostrukturen zu vermeiden und sich damit von Rahmenbedingungen einzelner Gewerke unabhängiger zu machen. Deshalb investierte Abeking & Rasmussen frühzeitig in die Kunststoffproduktion, die in vielem dem Yachtbau ähnlich schien.

Ein Amerikaner in Lemwerder

Hermann Schaedla ist in der Nähe von San Francisco aufgewachsen. In den fünfzi­ger Jahren, nachdem er gerade seinen Schulabschluss gemacht hatte, beschloss er, nach Europa zu reisen. Seine Mutter, eine Tochter Rasmussens, die gemeinsam mit ihrem Mann in die Staaten emigriert war, erinnerte ihn, seinen Großvater in Bremen zu besu­chen. Dieser bot ihm gleich eine Lehrstelle an. Nach dem Abschluss der Lehre wollte er Schiffbau studieren. Seine Einberufung zur US‑Navy machte ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung. Als Marinesoldat brachte er es dann bis zum Leutnant.

1959 starb Rasmussen. Er hinterließ sei­nem Enkel, sehr zu dessen Überraschung, eine Werft mit 700 Mitarbeitern. Hermann Schaedla quittierte seinen Dienst bei den US­-Streitkräften und begann in Bremen Schiff­bau zu studieren. Gleichzeitig musste er ler­nen, wie ein Unternehmen dieser Größenordnung geleitet wird. Geholfen hat ihm dabei eine hochqualifizierte Mitarbeiter-Crew und bei Kundenkontakten manchmal auch sein US-amerikanischer Pass. Der verhalf ihm auch zu seinem vielleicht ehrenvollsten Amt: Nach der Schließung des Generalkonsulats der USA wurde Hermann Schaedla für einige Jahre Amerikanischer Konsul in Bremen.

Jutta Never / Wolfgang Kiesel

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