Das erste Dampfschiff in Vegesack

Vor genau 200 Jahren wurde in Vegesack Schiffbaugeschichte geschrieben: Im Herbst 1816 fand auf der Werft von Johann Lange, etwa dort – wo heute das Schulschiffhaus steht – die Kiellegung des ersten von einem deutschen Schiffbauer gebauten Dampfschiffes statt. Und zwar auf dem zum Königreich Hannover und nicht zum bremischen Vegesack gehörigen Grohner Teil der Werft, südlich der Aue. Knapp drei Monate benötigten die Schiffbauer bis zum Stapellauf am 30. Dezember. Bereits für Anfang Mai 1817 war schon die Jungfernfahrt geplant. „Eine Pionierarbeit ersten Ranges“ berichtete die Bremer Zeitung damals.

Die Briefmarke zum Geburtstag: 200 Jahre Dampfschiff DIE WESER

Bereits im März 1816 war der Auftraggeber des Schiffsneubaus, der Kaufmann Friedrich Schröder, an den „hohen Senat“ in Bremen herangetreten und bat um die alleinige Lizenz, auf der Weser zwischen Bremen und Brake 25 Jahre lang „Dampfböte“ betreiben zu dürfen. Schröder wies dabei auf die Schwierigkeiten des Warentransports auf der Weser hin, die zu jener Zeit selten mehr als einen Meter Tiefgang zuließ. „Nicht einmal zu dem eigens dafür angelegten Vorhafen Vegesack gelangten die Seeschiffe“, zitiert ein Chronist den Vortrag Schröders. Ein Dampfschiff aber könnte die Reise von Bremen nach Brake problemlos an einem Tag hinter sich bringen und dabei noch als Vorspann der Weserkähne dienen, so sein Konzept.

Friedrich Schröder verfügte als Kaufmann in der Stadt über einen untadeligen Ruf. Sein Vater war der Begründer der ersten Seeversicherungsgesellschaft und gilt als Pionier des Tabakhandels mit Amerika und Schröder Junior führte diese erfolgreichen Geschäfte fort. Außerdem versprach er dem Senat, alle für den Bau sowie den Betrieb der Dampfschiffe nötigen Summen aus seinem Vermögen allein zu bestreiten – eine bei Investoren heute eher seltene Zusage. Fürsprache gab es zudem sicher auch von Senator Smidt, damals Bremens Vertreter im Bundestag in Frankfurt und ein Weggefährte Schröders. Im Juni 1816 erteilte der Senat Schröder die erwünschte Lizenz, allerdings nur für 15 und nicht, wie gehofft, für 25 Jahre.

Der Vegesacker Schiffbauer Johann Lange, wie Schröder seinerzeit 36 Jahre alt, war seit fast elf Jahren zwischen Vegesacker Hafen und Auemündung als selbstständiger Schiffbauer aktiv. Und 1816 blieb er zunächst ohne größere Aufträge, obwohl er im Frühjahr bereits Akquisitionsreisen nach Schweden, Königsberg und Danzig unternommen hatte. Ihm kam der Auftrag von Friedrich Schröder zum Bau eines ersten Dampfschiffes gerade recht. Gemeinsam mit dem Mechaniker Ludwig Georg Treviranus und dem Kapitän Zacharias Spilker reiste Lange nun nach England, wo die Entwicklung des Dampfschiffbaus bereits deutlich fortgeschritten war. Auftragsgemäß studierten sie die Technik sowie die Montage der Dampfmaschinen und bestellten dann bei Boulton, Watt & Co. in Soho bei Birmingham einen 14 PS kräftigen Antrieb, der dem Schiff später auf der Weser zu einer Geschwindigkeit von etwa 10 Stundenkilometer verhalf. Der Kohleverbrauch dafür war aber nicht unerheblich. Bei voller Kraft wird der Verbrauch mit 1 Balje (260 Pfund englisch) angegeben, was wohl etwa 120 Kilogramm entspricht, wobei in den historischen Unterlagen nicht deutlich wird, ob es sich dabei um den Verbrauch pro Stunde oder pro Reise handelt.

Till F. Teenck, Steamship Die Weser 1817 annotated, CC BY-SA 3.0

Der Antrieb war eine sogenannte Niederdruckmaschine mit Kondensation. In der Chronik heißt es dazu: „Sie bestand im Wesentlichen aus dem Dampfkessel nebst Schornstein, dem Zylinder mit Balancier und Gestänge, dem Kondensator, der Kurbelwelle nebst Lagerblöcken sowie den beiden seitlichen Schaufelrädern.“ Der Schornstein überragte alles mit einer Länge von mehr als 9 Metern über dem Hauptdeck. Um gelegentlich unter der auch schon damals bestehenden Großen Weserbrücke hindurchfahren zu können, konnte der Schornstein umgelegt werden.

Die Konstruktion des Dampfschiffes wurde weitgehend vom angestrebten Tiefgang von rund 90 Zentimetern bestimmt. Der Rumpf war sehr flach und knapp 26 Meter lang und 4,27 Meter breit. Die Höhe vom Kiel bis zum Oberdeck wird mit 2, 44 Meter angegeben. Durch die umlaufende Galerie standen etwa 7 Meter nutzbare Schiffsbreite zur Verfügung.  Die aus Doppelhölzern zusammengesetzten Spanten hatten einen Zwischenraum von 8 Zoll (20,3 cm). Beplankt war das Schiff mit  5 bis 7 cm starken Bohlen.

Getauft wurde das Schiff auf den Namen DIE WESER und am 7. Mai 1817 in Dienst gestellt. Zuvor aber, am 1. Mai, veröffentlichte die Bremer Zeitung einen langen Aufsatz, in dem der Mechaniker Treviranus, der einer sehr bekannten Bremer Gelehrtenfamilie angehörte, besorgte Bremer beruhigte. Die Information über die Explosion eines Dampfkessels in Amerika war zuvor auch über die Zeitungen nach Europa gelangt. Doch der Dampfmaschinen-Spezialist konnte nicht allen Bürgern die dadurch entstandenen Ängste nehmen. Von den 150 zur Jungfernreise eingeladenen Bremern blieben dennoch einige zu Hause oder schauten sich das Schauspiel vom Weserufer aus an.

Die Zeichnung: Till F. Teenck, Dampfschiff
Die Weser (1817) Plan
, CC BY-SA 2.5