Der Weserkahn: Lastesel für mehrere Jahrhunderte

Vom Mittelalter bis in die Moderne: Der Weserkahn made in Vegesack: FRANZIUS

Vor mehr als 400 Jahren war Bremen längst eine der wichtigen Handelsstädte in Europa. Reeder und Kaufleute, oft gemeinsam genannt und nicht selten in Personalunion, waren auf den Weltmeeren zu Hause, u. a. entlang der europäischen Küsten nach Spanien und den Kanaren, an den afrikanischen Küsten aber auch unterwegs nach Brasilien und selbstverständlich in der Ostsee. Probleme bekamen die Schiffe jedoch erst so richtig, wenn sie ihren Heimathafen zu erreichen suchten: Die Weser versandete und die großen Segler mussten beim ungeliebten Oldenburger Nachbarn in der Nähe von Brake geleichtert und die kostbare Fracht auf kleine Lastkähne geladen werden. Die Folge: Die seegehenden Schiffe der Bremer Flotte konnten ihren Heimathafen niemals mehr erreichen. Nur zur „Winterlage“ wurden für die geleichterten Schiffe Liegeplätze entlang des bremischen Weserufers gesucht. Zur Zeit des Vegesacker Hafenbaus waren immerhin 78 Schiffe im Bremer Seeschiffsregister gelistet.

Fracht von einem Großsegler der Rickmers-Reederei in Bremerhaven übernehmen und nach Bremen transportieren. Eine typische Aufgabe für die Weserkähne, von denen es an der Unterweser mehr als 100 gab.

Die kleineren Fahrzeuge, die längsseits die Fracht aus Übersee übernahmen, werden bereits im 16. Jahrhundert als „Weserkähne“ beschrieben. Ein fester Schiffstyp scheint damit aber nicht gemeint zu sein. Um 1600 waren es oft „Bojer“, kleine Küsten- und Wattsegler mit geringem Tiefgang, die weseraufwärts unterwegs waren, beispielsweise beladen mit „Kolonialgütern“, die sie in Amsterdam übernommen hatten.

Ebenfalls aus Holland stammt die Entwicklung der „Fleute“ auch „Vliete“ oder „Gadung“ genannt – auch ein Plattbodenschiff mit großen Zuladungsmöglichkeiten. Sie gehören zweifelsfrei zur Gattung der Ever. Eine grundlegende Veränderung im Längen- und Breitenverhältnis der zuvor hochbordigen, für unsere Augen koggenartigen Überwasserschiffe, führte seinerzeit zur enormen Zuladung von 100 Last – heute etwa 200 Tonnen.

Der Weserkahn löst ein riesiges Problem

Ein Weserkahn, etwa 25 Meter lang, vor dem mächtigen Gebäude des Weserbahnhofs

Der Einsatz dieser kleinen Frachter reichte weit über den Einsatz als Leichter und für den Transport nach Bremen hinaus. Auch in der Watten- und Küstenfahrt kamen die Schiffe zum Einsatz, irgendwann auch offiziell als Weserkähne bezeichnet. Bremerhaven, Brake, Vegesack und Bremen waren die wichtigsten Stationen dieser Lastesel der Küstenfahrt, die als Ein- oder Alterhalbmaster mit großen Seitenschwertern ausgestattet – durch gute Segeleigenschaften auffielen.

Für den Weserkahn gab es keine Standardmaße. Obwohl im Gegensatz zur viel älteren Hansekogge kein Originalschiff mehr vorhanden ist, wurde die Länge von den Werften mit 12 bis 25 Metern angegeben. Die Breite lag bei vier bis sieben Metern und der Tiefgang ist bei den allermeisten Kähnen nicht überliefert, im 18. Jahrhundert verfügten die Weserkähne über zumeist mehr als zwei Metern Tiefgang. Ganz flachgehende Kähne wurden mit anderthalb Metern Tiefgang gemessen. Die Baustandorte lagen vorwiegend im heutigen Bremer Norden. Ein Schwerpunkt war Blumenthal / Rönnebeck, wie Michael Pawlik in seinem Standardwerk „Von der Weser in die Welt“ (mein Lieblingsbuch) darstellt. Pawlik zeigt auch zwei Strichzeichnungen der Weserkähne von Middendorf (Die Bemastung und Takelung der Schiffe).

Charakteristisch für den Weserkahn ist das „Zelt“, die mächtige Laderaumabdeckung mit großen Laderaumöffnungen. Das „Zelt“ konnte schnell von der zwei- bis vierköpfigen Besatzung abgenommen und damit das Be- und Entladen erleichtert werden.

 

In den 1990er Jahren hat die Bremer Bootsbau Vegesack, ein Unternehmen des sogenannten alternativen Arbeitsmarktes, mehrere Schiffe der regionalen Schifffahrtsgeschichte nachgebaut. Darunter den Weserkahn, der im Jahr 2000 fertiggestellt und auf den Namen FRANZIUS, nach dem Wasserbaumeister unter dessen Regie die Weserkorrektion durchgeführt wurde, benannt ist.

Fotos Verein Weserkahn Franzius und Staatsrchiv Bremen