Ein Für und Wider weiterer Sicherheitsregeln?

Ein schlimmer Unfall in Harlingen und die internationalen Folgen

„Das kann mir vor der eigenen Haustür auch passieren!“ – Doch wenn tödliche Unfälle an Bord von Traditionsschiffen vorkommen, dann ist das mehr als ein tragisches Unglück. Dann werden stets grundlegende Fragen gestellt. Von Behörden, Versicherung, von den Medien und der Öffentlichkeit und natürlich von den Angehörigen der Toten oder Verletzten. Und letztlich zielen diese Fragen in Richtung der Sicherheit der Menschen an Bord. Deshalb wirken solche Unfälle auch ohne die in Deutschland gerade voll entbrannte Diskussion um die Sicherheit an Bord von Traditionsschiffen für lange Zeit nach. Und dabei prallen Halbwahrheiten, vermeintliche Fakten, Vermutungen und Tatsachen voll aufeinander. Vegesack maritim hat den Vorgang recherchiert. Hier unser Bericht:

Es war eine tolle Reise von Harlingen aus ins Wattenmeer. Die 12-köpfige Familie aus Düsseldorf hatte bereits alle Sachen gepackt und war im Geiste sicher schon auf der Autobahn zurück ins Rheinland. Beinahe genau ein Jahr ist das jetzt her. Die AMICITIA, mit der sie unterwegs waren, ist ein 24 Meter langer Segler, 1889 als Frachtschiff gebaut und seit 1981 als Fahrgastschiff im Einsatz. Auf Tagestouren kommen 22 Fahrgäste an Bord, für die Mehrtagesreisen sind 14 Kojen in mehreren Kabinen vorhanden. Der Skipper und ein Matrose bildeten die Crew, sie wurden von ihren Fahrgästen unterstützt. Jetzt sollte der einwöchige Aufenthalt an Bord glücklich zu Ende gehen. Während des Auftuchens der Fock auf dem Vordeck brach unvermittelt die Mastspitze ab, das 6,5 Meter lange Bruchstück stürzte mit anderen Teilen des stehenden und laufenden Guts an Deck auf drei der Mitsegler. Sie überlebten diesen Unfall nicht.

Inzwischen ist dieser Unfall untersucht und der Niederländische „Untersuchungsrat für Sicherheit“ (Onderzoeksraad voor Veiligheit) hat seinen Bericht vorgelegt. Danach kam der Mastbruch für die Betroffenen völlig überraschend, doch wie die Untersuchung ergeben hat, ist dem Vorfall ein vier Jahre währender Prozess vorausgegangen. Im Verlauf dieses Zeitraums sei Wasser tief in den Mast eingedrungen, ohne dass dieses danach wieder austreten konnte. Das eingeschlossene Wasser führte nach einer gewissen Zeit zu einem Verrottungsprozess im Mastinneren. „Die Holzfäule breitete sich in den letzten zwei Jahren so stark aus, dass der Mast dadurch nahezu seine gesamte Festigkeit verlor. Dass der stark geschwächte Mast brechen würde, war somit nur eine Frage der Zeit“, schreibt der Untersuchungsrat in seinem Gutachten.

Die zentrale Frage des Verfahrens lautete: „Wie konnte es – obwohl man den Mast ständig im Blick hatte – zu einem jahrelangen Verrottungsprozess kommen, ohne dass irgendjemand das Ausmaß des Problems bemerkte?

Nach dem vorgelegten Bericht hat die Untersuchung ergeben, dass an der Aufgabe, den Mast in einem sicheren Zustand zu halten, auf dem Papier zwar viele Parteien beteiligt waren, jedoch keine dieser Parteien den Ernst der Situation erkannt hat. Dadurch herrschte an Bord des betroffenen Schiffes über längere Zeit hinweg ein unkontrolliertes Sicherheitsrisiko.

Dass es in Holzmasten ein Fäulnisrisiko gibt, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Werden im Rahmen von regelmäßig stattfindenden Kontrollen solche Probleme erkannt, können sie von Fachleuten ohne Beeinträchtigung der Sicherheit des Mastes behoben werden. „Mangelndes Fachwissen bei Schiffsführer und technischem Personal“, überschreibt das Untersuchungsgremium jedoch dieses Kapitel seines Berichtes. Die „Schuld“ erkennen die Untersucher in einem Sammelsurium von Ursachen. Schon bei der Zertifizierung sei es zu erheblichen Mängeln gekommen. So habe das dafür eingesetzte Unternehmen die Sicherheit des Mastes für sechs Jahre in seinem Zeugnis bescheinigt. Erlaubt wären jedoch nur zweieinhalb Jahre.

Der Skipper der AMICITIA konnte also davon ausgehen, bis 2018 „Ruhe“ zu haben, weil das Zertifikat ihm dies suggerierte. Dieser und weitere Fehler während der Zertifizierung führten an Bord des Seglers zu einer „Scheinsicherheit“.

Die Prüfer belassen es jedoch nicht bei diesen direkten Kritikpunkten. Auch über den aktuellen Unfall hinaus stellt der Untersuchungsrat für Sicherheit in seinem, 120 Seiten langen, Bericht grundlegende Mängel bei der Überwachung der rund 300 Schiffe in Sicherheitsfragen fest.

Wir zitieren wörtlich:

„Die AMICITIA ist eines der dreihundert Segelfahrgastschiffe in der sogenannten braunen Flotte, einer Kategorie von historischen Schiffen. Schiffe der braunen Flotte gelten als niederländisches Kulturerbe. Die oft gewerblich betriebenen Schiffe üben eine große Anziehungskraft auf Touristen aus und sind überdies eine beliebte Wahl für Schulreisen und Firmenausflüge. Die Tatsache, dass drei Touristen einem Mastbruch zum Opfer fallen, der wie aus heiterem Himmel kommt, wirft viele Fragen über die Sicherheit von Fahrgästen auf vergleichbaren Schiffen und über die Überwachung dieses Sektors auf.

Wenngleich die primäre Verantwortung für die Sicherheit der Fahrgäste an Bord von Schiffen der braunen Flotte bei den Schiffseignern liegt, fällt es in die Verantwortlichkeit der  niederländischen Aufsichtsbehörde für die Umwelt des Menschen und Verkehr (ILT – Inspectie Leefomgeving en Transport) und der Prüfstellen zu untersuchen, ob die Schiffseigner ihrer Verantwortung entsprechend handeln, indem sie dafür sorgen, dass ihre Schiffe und ihre Aktivitäten die gesetzlichen Bestimmungen erfüllen. Es hat sich herausgestellt, dass die ILT ihrer Verantwortlichkeit in der Praxis keine Taten folgen lässt.

Mit den Befunden aus dieser Untersuchung stellt der Untersuchungsrat fest, dass ein funktionierendes System für die Überwachung der braunen Flotte in keiner Weise gegeben ist. Schon in früheren Berichten hat sich der Rat kritisch zu der Art und Weise geäußert, in der die ILT ihre Überwachungsaufgabe in der Praxis ausführt. Dass in dem vorliegenden Bericht ähnliche Probleme aufgedeckt werden, bereitet dem Untersuchungsrat Sorge und führt zu der Frage, welche Ursachen diesem wiederholten Auftreten von Problemen bei der Überwachung zugrunde liegen.“

Der Rat stellt fest, dass es bei der Kommerzialisierung der braunen Flotte nicht zu einer entsprechend stärkeren Professionalisierung hinsichtlich der Sicherheit gekommen ist. Dadurch ist zum Beispiel die Instandhaltung von Masten von den Schiffseignern und von technischem Personal abhängig, an deren Ausbildung keine Anforderungen gestellt werden und die nicht gleichermaßen sachkundig sind. Die fachliche Kompetenz ist nicht gewährleistet. Das Unglück an Bord der AMICITIA zeige, dass die Konsequenzen weitreichend sein können. Von einem gewerblichen Sektor, in dem jedes Jahr viele Tausend Fahrgäste befördert werden, erwartet der Untersuchungsrat ein Mindestniveau an Fachwissen in Bezug auf sicherheitskritische Komponenten, damit die Sicherheit der Fahrgäste gewährleistet ist.

Ähnlich deutlich urteilt der Untersuchungsrat in seinen abschließenden Empfehlungen. Um die Sicherheit der Fahrgäste auf Schiffen der braunen Flotte zu garantieren, müssten grundlegende Schritte unternommen werden. Den Interessenvertretern der braunen Flotte empfiehlt das Gremium deshalb:

  1. Sorgen Sie für einen professionellen Standard, der dem Umfang des gewerblichen Betriebs in der braunen Flotte angemessen ist. Zu diesem Zweck sind mindestens die folgenden Maßnahmen durchzuführen:
  2. Entwicklung einer Plattform für den Austausch von Fachwissen über historische Schiffe und die Instandhaltung bestimmter Bauteile. Daran sollten Schiffsführer, Masthersteller, Kontrolleure, Schiffseigner, Prüfstellen und andere relevante Parteien wie Reisebüros teilnehmen.
  3. Formulierung von Branchennormen, die auf dieser Wissensplattform aufbauen und mit denen die Schiffseigner auf praktische Weise bei der Instandhaltung sicherheitskritischer Komponenten ihres Schiffs unterstützt werden, sowie von Maßnahmen, mit denen die Beachtung dieser Normen sichergestellt wird. Die Branchennormen müssen Bestimmungen für die Erkennung von Anzeichen für Holzfäule und Vorgaben für ein sachgerechtes Prüfverfahren enthalten.
  4. Entwicklung eines praktisch anwendbaren mehrjährigen Instandhaltungsplans für Schiffe auf der Grundlage dieser Branchennormen, in denen mindestens die sicherheitskritischen Komponenten des Schiffs berücksichtigt werden.

Foto der AMICITIA: Onderzoeksraad voor Veiligheit, Quelle: Schifführer der AMICITIA