Ein Vegesacker fürs Geschichtsbuch

„Seeleute, die Nichtschwimmer sind, verteidigen ihr Schiff bis zum Letzten“, so äußerten sich bereits im 19. Jahrhundert viele Reeder über die Mitarbeiter an Bord ihrer Schiffe.

Einer, der international dagegen wetterte, war Adolph Bermpohl.  Mit 13 büxte der von zuhause in Herford aus und heuerte bei der deutschen Flotte des Admiral Brommy an.  Bermpohl fuhr knapp 10 Jahre zur See, war inzwischen Obersteuermann und kam 1859 als frisch ernannter Kapitän nach Vegesack, wo er als Navigationslehrer bei einer privaten Navigationsschule anheuerte.

Sicherheit in der Schifffahrt gab es seinerzeit wenig. Von Unfällen hörte man nur dann, wenn es sich um Strandungen handelte. Draußen auf See starben die Seeleute einen leisen Tod. Passierte ein Schiffsunfall in der Nähe der Küsten, dann galt: „Gott segne unseren Strand“, wenn die Beobachter darauf warteten, das manchmal sehr wertvolle Strandgut einsammeln zu können.

Am 10. September 1860 gab es einen solchen Unfall.  Eine englische Brigg strandete am Borkum Riff in Sichtweite der Insulaner und keiner rührte einen Finger zur Rettung der Besatzung, die komplett zu Tode kam.

„Gott segne unseren Strand!“

Von einem Tag auf den anderen wurde aus dem als eher sehr zurückhaltend beschriebenen Bermpohl ein Kritiker und Mahner, der sich öffentlich gegen die Folgen des „Strandrechts“ zur Wehr setzte. Am 20. November 1860 veröffentlichte er in der Vegesacker Wochenschrift einen Aufruf zur Gründung eines Rettungsdienstes, wie es ihn bereits seit 1829 an den englischen Küsten gab. Bermpohl forderte eine nationale Anstrengung, weil die Küstenbewohner nicht allein das Geld für eine solch private Einrichtung aufbringen könnten. Unterstützt vom Vegesacker Notar Kuhlmay verschickte Bermpohl seinen Aufruf an weitere Zeitungen und schnell gab es eine Deutschland-weite Diskussion zur Gründung eines Seenotrettungswerkes.

Nur drei Tage vor der ersten Veröffentlichung seines Aufrufes heiratete Bermpohl in Vegesack – Becke Margarethe Schäffer, die Tochter eines Bremer Kapitäns. Bermpohl sprach sechs Sprachen und übersetzte britische Fachbücher zur Schiffssicherheit für die Ausbildung von Kapitänen in Deutschland. Sein englisch-deutsches Wörterbuch für die seemännische Ausbildung wurde zum Bestseller und in mehreren Auflagen herausgegeben. Seine Übersetzung der „Anweisung zur Handhabung von offenen Ruderbooten in Brandung und offenen Meer“, die von der „Royal National Lifeboot Institutionen“ erarbeitet wurde, entwickelte sich schnell in Deutschland zu einem Standardwerk.

Unterstützt vom Chefredakteur der Bremer Nachrichten – Arwed Emminghaus – wurde in Bremen ein Seenotrettungsverein ins Leben gerufen. Der trug wesentlich wenige Jahre später zur Gründung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger im Mai 1865 bei.

Kurz danach verließ Adolph Bermpohl Vegesack und ließ sich von einem Mitstreiter in Seenotrettung, in Emden als Seefahrtslehrer anstellen. 1871 kehrte er nach Bremen zurück, unterrichtete allerdings nur drei Jahre, weil er bereits 1874 wegen totaler Taubheit frühpensioniert wurde.

Inzwischen gibt es ihn in Vegesack nur noch als Straßenschild und bei der Namensnennung einer Apotheke und in den Kirchenbüchern der Kirchengemeinde Walle, wo er am 7. Mai 1887 beigesetzt wurde.

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