Heringe bis zur Spitze in Europa

Die Vegesacker waren fest davon überzeugt, dass „ihr“ Schwimmdock, in dem die Fischerei-Gesellschaft die Logger dockte, das kleinste Schwimmdock der Welt sei. Wie auch immer. Es war zumindest eine Attraktion.


Wie immer in Vegesack hing auch schon damals alles mit allem zusammen. Aus kleinsten Anfängen bis zur größten Heringslogger-Flotte Europas schafften es die Vegesacker. Als Heringsfischer waren sie beinahe die letzten, die in Deutschland in den Heringsfang investierten. Emden, Glückstadt, Altona, Nordenham, Brake und selbst Bremerhaven hatten die Nase vorn. Dennoch befanden sich die Vegesacker mit ihrer „Fischerei“ auf einem Erfolgspfad. Zuvor aber benötigten sie ein Firmengrundstück, dass sie durch den Umzug der Bremer Vulkan AG erhielten.

Die Reedereiflagge der Bremen-Vegesacker Fischerei-Gesellschaft. Illustration von Joachim Weckermann 18:09, 4. Mai 2008 (CEST) – selbst erstellt, CC BY-SA 3.0, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=3532923

 

 

Als die Bremen-Vegesack Fischerei-Gesellschaft mit einem Grundkapital von 450.000 Mark am 31. Januar 1895 gegründet wurde, lagen zwei aufregende Jahre hinter den Vegesackern. Aus der Langeschen Werft, die beiderseits der Aue seit Jahrzehnten Schiffe baute, war inzwischen die Bremer Vulkan AG geworden. Und weil die Bremer Schiffbaugesellschaft, die vorherige Ullrichswerft mit ihrerm Betrieb jenseits des Stadtgartens in Aumund wenig erfolgreich war, griff Victor Nawatzki, der Gründungsdirektor des Bremer Vulkan zu. Nur zwei Jahre nach der Gründung verlegte er die Vulkan-Werft ans andere Ende der Vegesacker Promenade und konnte sich dort nahezu unbegrenzt vergrößern.

Dass die Gründung der Fischerei-Gesellschaft vor allem deshalb stattfand, um der klammen Vulkan-Werft Aufträge zu verschaffen, dafür gibt es keine wirklich seriösen Quellen. In der offiziellen Firmenchronik der Fischerei heißt es dazu, dass „interessierte Vegesacker Kreise“ die Anregung zur Fischerei-Gründung gaben. Und wohl nicht nur die Anregungen. Denn auch unter den Gründungsfinanziers finden sich bekannter Vegesack. die Namen Rohr, Hartmann, Danziger, Bischoff, Seegelken, Dunker und Lampe beispielsweise finden auch heute noch in allerlei Quellen und auf Straßenschildern, die auf ihr positives Wirken für Vegesack und Lesum hindeuten.

Die erste Investition der neu gegründeten Gesellschaft war denn auch ein Auftrag zum Bau von Heringsloggern an die Bremer Vulkan AG, die erst fünf Jahre nach ihrer Gründung ein „richtiges Frachtschiff“ ins Auftragsbuch bekam. Aus diesem Auftrag stammt denn auch der bis heute erhalten gebliebene Heringslogger BV2 VEGESACK, der mit der BREMEN und den Schwesterschiffen BLUMENTHAL und GROHN am 30. Mai 1895 von Vegesack aus zur ersten Fangreise in die Nordsee startete. Die vier Logger brachten in dem Jahr immerhin 3.641 Kantjes voller gesalzener Heringe mit Hause. 27.000 Mark hatte das Unternehmen pro Logger bei der Werft gezahlt.

In nur fünf Jahren stieg die Zahl der Vegesacker Logger mit den Fischereizeichen BV für Bremen-Vegesack auf 20 und bis zum Beginn des ersten Weltkrieges 1914 war die Flotte auf 41 Logger gewachsen, die im letzten Vorkriegsjahr beinahe 80.000 Katjes an der Lesum-Pier gelöscht hatten. Zwischen den beiden Kriegen stieg die Zahl der Heringslogger mit dem BV-Fischereizeichen auf bis zu 68 und starte 1945 bis 20 „übriggebliebenen“ Loggern in das letzte Drittel seiner Unternehmensgeschichte.

Das mengenmäßig beste Jahr in der Unternehmensgeschichte war das Jahr 1957, in dem 43 Logger exakt 261.547 Kantjes zu Hause in Vegesack ablieferten. Dann schrumpfte die Flotte nach und nach und 1969 waren es noch zwei Schiffe, die 1.200 Kantjes zur Verarbeitung anlandeten. Aber nicht mehr in Vegesack. Denn inzwischen war der Reedereibetrieb der Vegesacker Fischerei nach Bremerhaven verlegt worden. Nur die „Vegesacker Fischwaren“ blieb mit ihren Fisch-Verarbeitungskapazitäten noch einige Jahre im hinteren Teil des Grundstückes an der Lesum, etwa dort, wo heute die „Deichgrafen“ das Lesumufer säumen.

Foto: Hafenamt Bremen / Bearbeitung: Gerd Pillnick