Mal was anderes im Wa(h)ljahr

In Vegesack sind die riesigen Burschen niemals gestrandet – weder früher noch heute. Nicht einmal vorbeigeschwommen sind sie. Immer haben sie einen großen Bogen um Bremen-Nord gemacht. Schade eigentlich, denn sie haben eine ganze Menge verpasst.

Trotzdem waren sie hier! Zwar nicht als mopsfidele Besucher, Liebhaber Vegesacks oder Sommergäste, dafür aber als eine der wichtigsten Erwerbsquellen, wenn nicht sogar die wichtigste überhaupt.

Der Wal ist gemeint. Er gehörte zu Vegesack wie die Weser. Doch lang, lang ist’s her. Noch heute erinnert etliches an die Walfangzeiten. Da ist zum Beispiel der riesige Walkiefer am Utkiek zu bestaunen, ebenso die Wal-Schwanzflosse gleich neben dem Fähranleger und das Wal-Denkmal in Vegesack-City. Gegen diese monumentalen Hingucker sind die Bremer Stadtmusikanten eher mickrige Wichte – jedes Tierchen einzeln und für sich betrachtet zumindest – doch Wahrzeichen sind sie allesamt.

Die Zeiten, als die echten und harten Kerle mit ihren Walfangschiffen Vegesack verließen, um im Eismeer, Grönland und in der Arktis die größten im Wasser lebenden Tiere, die Gott geschaffen hat, zu jagten und zu fangen, sind Geschichte. Monatelang, jahrelang waren sie auf See, führten ein entbehrungsvolles und gefährliches Leben und sahen dem Tod regelmäßig ins eiskalte Auge. Zuhause in Vegesack bangte man um die Söhne, die Ehemänner, die Väter, die Brüder und Freunde.

Heute hingegen ist das Leben in Vegesack weitaus ungefährlicher für echte Kerle, als vor zweihundert Jahren und mehr. Wer sich heutzutage für den Fischfang interessiert, kauft sich Angeln, erwirbt bei der zuständigen Behörde einen Angelschein, sucht sich ein gemütliches Plätzchen an der Weser, spießt die Köder auf den Haken und wirft die Rute aus. Und wenn das mitgebrachte Eimerchen gut oder weniger prall gefüllt ist, geht’s ab nach Hause und ran an Herd und Bratpfanne.

Wer kein passionierter Angler ist, der setzt sich nur an die Weserpromenade auf eine Bank, schaut den Fischfängern beim Angeln zu. Wenn er genug vom Rumsitzen und Zugucken hat, geht er zum Fischhändler seines Vertrauens, kauft was Leckeres aus Neptuns Reich und der Rest des Tages ist ähnlich, wie der des Anglers.

Beide, der Zuschauer und der Angler, haben aber eine Gemeinsamkeit: Sie sehen zuerst, wenn gelegentlich Delfine, Schweinswale oder kleine Tümmler durch die Weser schwimmen. Und die sind gar nicht so selten. Sie machen scheinbar gerne mal einen Ausflug von der Nordsee in das freundliche Städtchen an der Weser. Warum sie herkommen, weiß eigentlich keiner so genau. Aber vielleicht, weil diese klugen Tiere neugierig sind. Weil sie einfach nur mal sehen wollen, wo einst die tapferen und wagemutigen Männer herkamen, die mit ihren Ururur-Ahnen Auge um Auge und Zahn um Zahn kämpften.