Nur alt, oder auch schön und original? Was genau sind eigentlich „Traditionsschiffe“?

„Maritim“ liegt nahe dran an der Tradition. Nicht nur bei den Schiffen. Tradition, das ist beispielsweise Segeln  – Tradition ist aber auch und vor allem Seemannschaft. Weil Schifffahrt und Natur eben nicht voneinander zu trennen sind. Tradition kommt aber auch dann zum Tragen, wenn es um den Erhalt von Schönem und Zweckmäßigem geht. Kein Wunder also, dass Laien meistens davon ausgehen, dass alle alten Kutter, Logger, Weserkähne oder ähnliche Segler und Motorfahrzeuge aus unserer Region zugleich auch „Traditionsschiffe“ sind, wenn sie gut erhalten und gepflegt sind.

Tatsächlich ist der Begriff „Traditionsschiff“ jedoch auch eine juristische Einschätzung. Und zwar eine, die Freunde und Förderer dieser ganz besonderen Sparte maritimer Geschichte seit Jahren auf die Palme bringen. Da stehen sich zwei Lager trotz manchem Kompromiss weitgehend unversöhnlich gegenüber. Da gibt es das Bundesverkehrsministerium, das vor allem seit Anfang des Jahrzehnts auf vergleichbare Konstruktions- und Sicherheitsstandards wie in der Berufsschifffahrt beharrt und andererseits die Freunde der Traditionsschiffe, die mit teils riesigem Aufwand historische Schiffe erhalten, was ohne Mitfahrer, Sponsoren und Mäzene meistens undenkbar ist. Und Ehrenamt heißt immer auch „Kompromiss“, was das Bundesverkehrsministerium in Sachen Schiffssicherheit so nicht gelten lassen will.

Die Politik will „Lösungen“

Der Amtsvorgänger von Alexander Dobrindt, Peter Ramsauer, traf in seiner Zeit als Bundesverkehrsminister eine geradezu salomonische Entscheidung: Er vertagte jede neue Regelung in der Hoffnung, dass der Krug an ihm vorbeigeht. Ging er dann auch. Für seinen Amtsnachfolger Dobrindt, so vermutet es jedenfalls der SPIEGEL, sei Tradition nur dann akzeptabel, wenn sie einen Trachtenhut trage.

Wie auch immer. Der Drang des wiehernden Amtsschimmels, der 100 Meter lange Ankerketten verordnet und massive Holztreppen mit Metall unterfüttern will, ist inzwischen unübersehbar. Stand der Dinge scheint zu sein, dass die Tage sehr vieler Traditionsschiffe in dieser Funktion gezählt und die Häfen an der Küste um eine wirkliche Attraktion ärmer werden. Ausnahmsweise, so möchte man es formulieren, kommen unsinnig anmutende Regeln mal nicht aus Europa. Einige wenige deutsche Beamte, die sich mithilfe einer Behördenvorschrift verewigen dürften, reichen für einen solch radikalen Einschnitt aus.

Und in Europa?

Bürger sind es gewohnt, dass Entscheidungen aus Brüssel, die in Helsinki wie in Athen gelten sollen, nicht selten aus der Schublade „unglaublich“ stammen. Doch die unglaublichen Schiffssicherheitsvorschriften für die Traditionsschifffahrt entstammen der „Dienststelle Schiffssicherheit der Berufsgenossenschaft Verkehr“ (BG Verkehr), die vom Bundesverkehrsminister mit der Ausstellung der Sicherheitszeugnisse für Traditionsschiffe beauftragt wurde. Wenn also dieses Hickhack ein allein deutsches ist, wie lösen dann unsere Nachbarn das Problem?

Die „historische braune Flotte“, nach der Farbe ihrer Segel benannt, gehört während der maritimen Veranstaltungen an den Küsten Nordeuropas zum Standard. Vor allem Holländer sind es, die mit Tages- und Wochentouren diese Mitfahrerlebnisse vermitteln. Bis zu 400 dieser Oldtimer soll es geben, durchaus nicht unkontrolliert tätig, jedoch in einem offenbar deutlich liberaleren Geflecht von Eignern, Behörden, Verbänden und Aufsichtführenden.

„So etwas dürfte es in Deutschland gar nicht geben“, ärgerte sich kürzlich der ehrenamtlich tätige Skipper eines deutschen Traditionsseglers angesichts seines Stegnachbarn aus Harlingen. Ein tolles Schiff hatte da gerade festgemacht, mehr als 100 Jahre alt, tiptop in Schuss und von einer Familie geführt, die vom Segelgeld ihrer Gäste den wesentlichen Teil ihres Lebensunterhaltes finanziert.

„Nach deutschem Recht dürfen Traditionsschiffe ausschließlich ideellen, sozialen oder vergleichbaren Zwecken im Rahmen der maritimen Traditionspflege dienen.“ – So definiert es das Verkehrsministerium!

Dabei sollte die Einstufung als Traditionsschiff mal der Erleichterung aller Beteiligten dienen. Keine so strengen Sicherheitszeugnisse wie in der Berufsschifffahrt, keine so aufwändigen Patente und weniger Aufwand bei der regelmäßigen Überprüfung der ehrenamtlichen Besatzungen. Schließlich sind die Besatzungsmitglieder nicht selten im Rentenalter, erfahrene Seeleute oder langjährig angelernte Wasserssportler, ambitionierte Handwerker und fast immer lebenserfahrene Freunde traditioneller Seemannschaft.

Doch mit dem Inkrafttreten der “Sicherheitsrichtlinie für Traditionsschiffe“ wurde 1998 auch ein neuer Rechtsbegriff geschaffen, der inzwischen geeignet ist, den Vereinen und Betreibergesellschaften das Leben schwer zu machen. Der Aufwand für Umbauten, für die Sicherheitszeugnisse der ehrenamtlichen Besatzungen und andere Belastungen übersteigen manches Vereinsbudget. Als zukünftige Sportboote fehlt ihnen dann jedoch die Zulassung zur Personenbeförderung und damit eine der wichtigen finanziellen Grundlagen für den Erhalt dieses Teils der maritimen Geschichte.