Traditionsschiffe – die Definition

Ein Blick in den Vegesacker Hafen zeigt die Vielfalt der maritimen Tradition. „Das älteste noch segelnde Stahlrumpfschiff der Welt“, nennt Harry Hanse seine ATLANTIC, die seit 1982 im Vegesacker Hafen zu Hause ist und schon 1871 in Kiel-Gaarden vom Stapel lief. 2021 würde die ATLANTIC also 150 Jahre alt. Ein Sicherheitszeugnis, wie es den Autoren der neuen Vorschriften vorschwebt, würde das Schiff mit einer enorm wechselvollen Geschichte wohl nicht mehr erhalten.

Anders die BV2 VEGESACK vom Verein Maritime Tradition Vegesack e.V., deren Betreibergesellschaft das erste Schiff, das der Bremer Vulkan nach seiner Gründung 1895 ablieferte, für Fahrten auf Nord- und Ostsee anbietet. Die VEGESACK, die im vergangenen Jahr einen glücklicherweise glimpflich ausgegangenen Mastbruch hatte und inzwischen zwei neue Masten erhielt, „macht regelmäßig Klasse“, erfüllt also die behördlichen und versicherungstechnischen Forderungen für die Traditionsschifffahrt. Ganz sorgenfrei sind die ehrenamtlichen Geschäftsführer der Betreibergesellschaft deshalb durchaus nicht. Für möglicherweise vom Bundesverkehrsministerium geforderte Sicherheitsscheine für alle Crewmitglieder müssten Tausende von Euro aufgebracht werden.

Der Unterschied zwischen dem Sportboot (ohne Erfüllung der Sicherheitsrichtlinie für Traditionsschiffe) und dem behördlich anerkannten Traditionsschiff ist allein die Genehmigung zur Personenbeförderung für mehr als 12 Personen an Bord.  Das jedoch ist genau der Knackpunkt! Der langfristige Erhalt der historischen Logger, Kutter, Frachtsegler und anderer Fahrzeuge ohne entsprechende Einnahmen aus Gästefahrten ist für die allermeisten Vereine und Betreibergesellschaften schlicht unmöglich. Und bei den Schiffen im Privatbesitz verhindert die Pflicht zum „ideellen, sozialen oder vergleichbarem Zweck im Rahmen der maritimen Traditionspflege“ die Mitnahme von mehr als 12 Personen an Bord.

„Die Bestandserhaltung dieses besonderen Kulturguts wird nicht darstellbar sein, ohne

das Funktionieren eines entsprechenden rechtlichen Rahmens“, beschreibt Joachim Kaiser, Vorstand der Stiftung Hamburg Maritim, die schlechte Perspektive bei überzogenen und nicht einhaltbaren behördlichen Forderungen.

Sollte also die neue Richtlinie wirklich wie beabsichtigt mit ihren fundamentalen Änderungen im kommenden Jahr in Kraft treten, darf vermutet werden, dass es anschließend weniger offizielle Traditionsschiffe und mehr „offizielle“ Sportboote an der Küste geben wird. Und bei Veranstaltungen werden alle zählen, ob wirklich nicht mehr als ein Dutzend Crewmitglieder und Gäste an Bord sind.