Wasser unterm Kiel oder Sonne aufm Balkon..?

In diesem Jahr ist Gerda für drinnen und Heinz für außen zuständig. Räumliche Arbeitsteilung lautet die Verabredung, sonst stehen sie sich wieder gegenseitig auf den Füßen rum. Gerda hat die Nase voll von Heinz‘ Tollpatschigkeit, denn der läuft schon gerne mal gegen einen vollen Putzeimer. Dann flucht er und sie muss Aufwischen. Drum macht er diesmal oben und draußen, sie unten und drinnen.

Saisonstart nennt man das. Jedes Jahr das gleiche Theater. Klar Schiff machen hat einen festen Termin – so wie Ostern, Weihnachten und andere Fest- und Feiertage. Alles muss blitzeblank sauber sein, wenn’s heller wird und sich die Sonne dauerhaft sehen lässt. Frühling, Zeitumstellung, Krokusse und Osterglocken sind verlässliche Indikatoren für den Frühjahrsputz – nicht nur bei Gerda und Heinz.

Die ersten Sonnenstrahlen locken auch andere Freizeitkapitäne zu ihren schwimmenden Lieblingen. Ob groß oder klein, Segel-, Ruder- oder Motorboot – alle benötigen jetzt Zuwendung. Das Winterlager hat ihnen zugesetzt, der Winter tut‘s immer und schon Matthias Claudius beschrieb ihn „als rechten Mann, kernfest und auf die Dauer, er zieht sein Hemd im Freien an und kränkeln tut er nimmer…“ oder so ähnlich, ist auch egal, nun muss das beseitigt werden, was er in der Mache hatte! Drum frisch ans Werk, es gibt viel zu tun!

Eiskaltes Wasser, eiskalte Hände, klamme Klamotten – ein heißer Tee, besser ein Grog, das wär‘s jetzt! Aber noch ist’s zu früh für ne Pause. Unter Deck müffelts – oben ist die Luft viel besser, aber auch kälter. Alles Waschbare aus dem Innenbereich kommt in blaue Säcke – zuhause dann in Waschmaschine und Trockner.

„Heeiinnnnnz, kannste mal kommen!“ Heinz antwortet nicht. „Heeeeiiiinnnnz, wo bist du denn? Komm und hilf mir mal…“ Keine Antwort. Wo steckt er denn bloß? Gerda klettert nach oben. „Heeeeeiiiiinnnnzzzz“ ruft sie und ihr Blick wandert übers Wasser. Ganz dahinten am Steg steht ihr Männe. Ne Pulle Bier in der einen Hand, ne Zigarette in der anderen und neben ihm steht der dicke Achim. Achim stinkt vor Geld, ist Schönwetter-Kapitän, hat nen großen Motorsegler und seine Freundin könnte rein altersmäßig locker seine Tochter sein. Fräuleinchen macht sich übrigens die manikürten und goldberingten Fingerchen nicht schmutzig. Achim auch nicht, dafür hat er seine Leute. Seine Blondine ist sicherlich shoppen – Frühlingsoutfit zum Saisonstart!

Gerda war vorhin auch shoppen. Essigreiniger, Putzlappen, Schwämme, Papiertücher, Küchenrollen, Handschuhe…ach ja noch ein paar neue Eimer und jede Menge umweltfreundliches Putzmittel. Den Einkaufszettel für den Drogeriemarkt hat sie auf den Punkt abgearbeitet – bleibt noch das andere Zeug. Zucker, Mehl, Öl und alles, was sonst noch für Pütt und Pann gebraucht wird sowie Vorräte in Büchsen und Dosen, Kekse, Kaffee und Teebeutel, Nudeln und anderes Haltbares, was eben wichtig ist. Das kauft sie beim nächsten Mal, wenn alle Schränke an Bord sauber sind.

Sie ruft nochmals kräftig und laut nach ihrem Angetrauten. Heinz hört nicht. Also schleppt sie die blauen Säcke selbst nach oben, übern Steg, Richtung Auto. Heinz und Achim schauen ihr entgegen: „Sag doch nen Ton Schätzele…“, sagt Heinz grinsend. „Na Gerda, biste gut übern Winter gekommen – ein paar Pfund zugelegt oder? Wir waren zwei Monate auf den Kanaren. Wetter war auch nicht so dolle, knapp zwanzig Grad, viel Wind, wenig Sonne. Bin früher zurückgekommen, wollte mal sehen, ob mein weißer Liebling schon geschniegelt und gestriegelt ist. Petra kommt später auch noch…kommt doch auf nen Schluck Schampus vorbei!“

Heinz ist sofort Feuer und Flamme, Gerda natürlich nicht. „Erst die Arbeit und dann das Prickelwasser – stimmt’s Heinzelmann? Bring mal rasch die Säcke zum Auto, dann sehen wir weiter!“

Achims Smartphone bimmelt, Heinz schlurft wiederwillig mit den Säcken davon und Gerda zurück zum Schiff – schließlich macht sich die Arbeit nicht von alleine.

Wer also einen schwimmenden Weggefährten hat, ist immer gut beschäftigt. Wenn andere Leute durch den Park schlendern, den Osterglocken beim Blühen zusehen, den ersten Bärlauch für den Quark zum Abendessen pflücken und den Vögeln beim Zwitschern zuhören, gibt’s an Bord immer was zu tun.

Vielleicht wäre ein kleiner Balkon mit Blumenkästen auch nicht gerade schlecht…natürlich zur Sonnenseite!