Wo die Apfelsinen wachsen

Vegesacker gibt es überall – rund um den Globus. Immer, wenn wir jemanden treffen, der sich noch an unser maritimes Dorf erinnert, bitten wir ihn um einen kleinen Bericht. Und Lena Molenda hat diese Erzählung für uns bearbeitet:

Morgen soll’s Paella geben, drum wird’s Zeit, unseren Einkaufsbummel durch die Markthalle zu starten. Wir sollen lediglich für den Nachtisch sorgen und alles mitbringen, was in einen frischen Salat gehört. Wie immer sind alle Straßen heillos verstopft – die Stadt ist laut und voll. Heute, am Tag vor Weihnachten ist es noch schlimmer als an anderen Tagen. Die Sonne scheint, die Freiluft-Cafés gut besucht, die Menschen scheinen trotz Feiertagsstress gut gelaunt. Valencia am 23. Dezember bei 21 Grad!

Zuhause ist es anders- Hetze statt Besinnlichkeit, Wintertage in unfreundlichem steinlausgrau, Weihnachtslieder-Endlosschleife, überfüllte Weihnachtsmärkte, volle Geschäfte, Hupkonzert und Stau auf den Straßen, Einkaufs- und Küchenstress – irgendwie ganz verlockend, zum Jahresende das Revier zu wechseln, um Weihnachten mal anders zu erleben.

Ist aber gar nicht so einfach, dem Weihnachtszirkus zu entfliegen. Keiner sagt: Scher dich dahin, wo der Pfeffer wächst! Ursprünglich war das Indien – ganz schön weit, muss vielleicht auch nicht sein. Liebevoller hingegen wäre die Aufforderung komm mit mir ins Land, wo die Zitronen blühen, das ist einerseits nicht ganz so weit und andererseits nicht übel, auf Goethes Spuren durch Italien zu wandeln!

„In diese Überlegungen platzte der Anruf von Pepe und Maria: Wann kommt ihr mal wieder nach Valencia? Kommt doch einfach Weihnachten für zwei drei Wochen. Wir gehen segeln, fahren raus zur Finca, brutzeln Paella, grillen Fisch und Schalentiere, sitzen tagsüber in der Sonne und später vorm Kamin bei vino tinto und Café mit Cognac.“ Welch tolle Idee………

Selbstgepflückte Orangen statt Grünkohl, Weihnachtsstern statt Weihnachtsbaum, Scampi und andere Meeresfrüchte statt Weihnachtsgans, Sonnenschein statt Regenschirm.

Ein wundervoller Gedanke: Weihnachten an der Orangenküste! Trotzdem – sich um diese Zeit vom deutschen Acker zu machen – warum eigentlich nicht?

Wir frühstücken ein paar kleine Tapas bei Pedro, bevor wir unsere Runden drehen. Der starke Kaffee weckt all unsere Sinne und mit einer guten Grundlage im Magen starten wir den Rundgang durch die riesige Markthalle im Zentrum von Valencia. Erst zum Obst und Gemüse. Es duftet nach Orangen, Mandarinen, Nüssen und tausend anderen schönen Dingen – ein Fest für die Nase – bei den Gewürzen und Kräutern ist es noch intensiver! Und erst einmal die Vielfalt der Paprikaschoten und Tomaten – wie viele Sorten das wohl sind, von Farben und Formen mal abgesehen! Zwiebeln, Knofi, Salate, Gurken, Kartoffeln, Zitrusfrüchte – soweit das Auge reicht. Apfelsinen, Zitronen und Mandarinen kaufen wir nicht, die pflücken wir selbst bei Sebastian auf der Plantage.

Leckere spanische Apfelsinen aus der Region Valencia von der Costa Naranja essen wir auch zuhause, aber hier frisch vom Baum sind sie einfach ein Hochgenuss. Und ihr Anblick erst einmal! An einem einzigen Baum hängen voll reife und saftige Früchte, grüne und unreife ebenso und zwischendurch immer wieder schneeweiße Orangenblüten.

Jetzt sind wir in der Fischabteilung angekommen. Jede Menge Stände und Anbieter, Fische sortiert nach Farbe und Größe, Beliebtheitsskala und nach Preisen, zum Kochen, Grillen und Braten. Einige sehen furchterregend aus wie zum Beispiel die Muräne, der Dornhai oder gar der Seeteufel und neben diesen gruseligen Geschöpfen liegen friedlich Seezungen, Doraden und Sardinen. Selbst diverse Süßwasserfische frisch aus der Albufera nehmen am Wettbewerb teil.

Bei den Schalentieren ist die Auswahl kein bisschen geringer und vom kleinsten fast farblosen Gamba, über Austern bis hin zum größten knallroten Scherentier ist alles vertreten, selbst Sepia und etliche Kraken-Arten beanspruchen ihren Platz.

Zum Glück müssen wir uns nicht für dies oder das entscheiden, wir sollen schließlich nur fürs Dessert und für einen Zwischendurch- oder Nebenbei-Salat sorgen!

Plötzlich weht uns Käsegeruch in die Nase. So viele Sorten, so viele Leiber und Gerüche – würzig-streng, mild und echt stinkig, aus Kuh-, Schafs- und Ziegenmilch. Mit langer Reifezeit oder eben Frischkäse und nicht alle sind so bekannt wie der berühmte Queso Manchego.

Zwischen den Käse- und Schinkenverkaufsständen gibt’s eine kleine Bodega mit Tageslicht und ab und zu blinzelt sogar die Sonne durch den Eingang auf die Tische. Uns und unseren Füßen tut eine Sitz- und Stärkungspause echt gut. Wir bestellen Brot, Wein, Serrano-Schinken und Käse – mehrere kleine Portionen, dazu ein paar Oliven. Alles schmeckt köstlich, wir genießen die Tapas, könnten noch stundenlang sitzen bleiben, den Menschen beim Ein- und Verkaufen zusehen, alle Geräusche und Düfte aufsaugen und speichern – speichern für später, wenn wir wieder zuhause im trüben und kalten deutschen Winter sind.

Später am Nachmittag sitzen wir alle am Tisch, die Paella brutzelt und duftet köstlich, wir erzählen, lachen und trinken Wein. Am Tag vor Heiligabend auf der Finca von Pepe und Maria. Sebastian – das 80-jährige Oberhaupt der Familie – bereitet traditionell die Paella zu. Das Kaninchen hat bis vor kurzem auf dem Grundstück herumgetobt, der Reis ist selbstangebaut – also vom Nachbarn, die Wildkräuter und etliche Gemüsesorten wachsen hinterm Haus, die Schalentiere hat Fischer Pedro, Sebastians Freund, heute früh gebracht.

Später, am Kaminfeuer, machen wir Pläne für die nächsten Tage. Das Wetter soll stabil bleiben, der Wind auffrischen – genau richtig, um einen Segeltörn zu machen!

Feliz Navidad und Schiff ahoi!

Welch ein Lärm! Was ist passiert? Wer schreit da so?

Pepe ruft unaufhörlich „arriba, arriba, arriba, arriba!“ Mensch Pepe, wir haben Urlaub, lass uns doch noch schlafen!

Nix ist, raus aus den Federn, Katzenwäsche und ab aufs Segelboot, sonst wird’s heute mit einem Weihnachtstörn nichts mehr!

Die Sonne scheint, der Wind weht frisch vom Meer herüber und die Provianttasche ist gepackt. Frühstück gibt’s an Bord. Aber nun erstmal los, derzeit sind die Tage kurz!

Erst nach einem kleinen Imbiss auf dem Wasser kehrt wieder Ruhe ein. Das Schiff schaukelt und der etwas kühle Wind bläht beharrlich die Segel. Gute vier Windstärken blasen kontinuierlich und wir machen richtig Fahrt. Wir wollen nach Denia, vielleicht bis Calpe, dort Pause machen, ein paar Tapas essen und dann zurück in den Yachthafen von Valencia. Heute ist schließlich Heiligabend und außerdem früh dunkel.

Unser Boot ist fünfzehn Meter lang, wurde von einer unbekannten spanischen Werft gebaut, hat ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel und gänzlich ohne Komfort. Ein echtes Regattaboot sagen die Spanier, die absolut Segelregatta-Besessene sind. Von April bis Oktober läuft auf dem Wasser nichts ohne Regatta. Mal nach Alicante, mal rüber zu den Balearen, mal gen Norden bis Barcelona – irgendwo sieht man die verrückten „Kreuzfahrer“ aus dem Club Nautico Valencia mit ihren Schiffen immer. Pepe natürlich auch, der ist bekannt wie ein bunter Hund und es gibt vermutlich niemanden, der ihn nicht kennt und den er nicht kennt.

Der Wind wird stärker, die Wellen höher, mein Magen schließt sich der Berg- und Talfahrt an. Wenn ich an die Schalentiere denke, die zuhause im Kühlschrank aufs abendliche Grillen warten, schlägt er zusätzliche Purzelbäume. Die Sonne verschwindet, Wolken ziehen auf, der Wind wird böiger, die Segel schlagen hin und her und die Wanten klappern gewaltig.

Wo sind wir eigentlich? Kurz vor Calpe sagt Pepe. Und wie weit ist es noch bis zum sicheren Hafen? Dauert noch, ruft er zurück. Der Regen prasselt in Nullkommanix bin ich klitschnass. Die gelben Regenjacken und Südwester liegen unten im Schiff. Wenn ich runtergehe, muss ich spucken. Ist wohl der Rotwein von gestern. Alle an Bord sind still, führen ohne zu murren Pepes Kommandos aus.

Mir ist saukalt. Ein heißer Grog wäre jetzt toll oder ein Glühwe… nee, lieber nicht! Mir kommt ein Lied in den Sinn – verflucht, wie ging das noch? Ah, ich hab‘s: „Sankt Niklas war ein Seemann, er liebte Meer und Wind. Und alle Jahr zur Weihnachtszeit fährt er Millionen Meilen weit…Sankt Niklas schütze unser Boot vor Klippen, Sturm und Feuersnot…“ Freddy Quinn war der Interpret. Das Lied hat mir nie gefallen, klang traurig, so endgültig und gar nicht weihnachtlich. Aber jetzt begreife ich, was der Text ausdrücken soll.

Mitten in meine Gedanken tut es einen kräftigen Knall. Irgendwas ist passiert, zerbrochen, Holz ist gesplittert…was ist los? Pepe ruft jeden von uns beim Namen. Alle antworten – Gott sei Dank!

Ein Stück vom Besam ist abgebrochen. Sonst ist alles okay.

Der Wind lässt nach, der Regen auch, es klart auf und im Sonnenschein steuerbord voraus liegt die Hafeneinfahrt von Calpe.

„Wie seht ihr denn aus?“ ruft der Hafenmeister uns zu. „Seid ihr ne Runde geschwommen?“ Er heißt Willy, ist aus Berlin und lebt knapp zwanzig Jahre unter spanischer Sonne. „Wartet mal, ich helfe euch beim Festmachen, dann könnt ihr duschen und was Warmes trinken. Ihr seht ja aus, als sei euch der Klabautermann begegnet…!“

Ein doppelter Kaffee mit Cognac – ein Carajillo – weckte unsere Lebensgeister und schon bald waren wir wieder fit für den Rücktörn. Nur unsere Klamotten spielten nicht mit, die waren klitschnass. Willy schlug vor, bei ihm und seiner Frau Carmen zu bleiben. Es wurde ein unvergesslicher Heiligabend, schlaftechnisch ein Provisorium und am nächsten Morgen taten uns alle Knochen weh, als wir aus dem Hafen segelten.

„Nichts ist schwerer zu ertragen, wie eine Reihe von guten Tagen!“

Die Schalentiere haben die Heilige Nacht im Kühlschrank bestens überstanden. Es war ihre letzte Galgenfrist, bevor sie am Weihnachtstag auf dem Grill landeten, der auf der großen Terrasse stand. Ringsherum flackerten wärmende Fackeln, denn abends und nachts war es auch in Spanien empfindlich kühl. In der Hafenbäckerei haben wir uns mit Bocadillios eingedeckt, dieses landesübliche Weißbrot darf beim Essen nicht fehlen, genauso wie Tomaten, Oliven, Zitronen, Apfelsinen und anderes leckeres Zeug. Elena und Sebastian, Pepe, Maria und wir verbrachten einen ganz besonderen Weihnachtsabend mit einem nicht enden wollenden Konzert der zirpenden Grillen, unter funkelnden Sternen und vielen blutrünstigen Mücken.

Die Tage vergingen. Wir machten Ausflüge, gingen an den Strand und tauchten unsere Zehenspitzen ins kühle Nasse, besuchten zum wiederholten Male die Markthalle, kochten und brutzelten und genossen die Zeit.

Zum Segeln hatten wir keine Lust mehr, dafür aber auf eine rasante Fahrt mit dem Motorboot nach Ibiza. Wie immer organisierte Pepe das Boot, die Überfahrt und den Aufenthalt auf der mit Touristen vorgestopften Insel. Pepe kannte abgelegene Fischerdörfer und er suchte ein sehr idyllisch gelegenes im Osten der Insel aus. Es war schon stockdunkel als wir in Valencia wieder festen Boden unter den Füßen hatten und hundemüde in unsere Betten fielen.

Kurt Tucholsky war es wohl der feststellte: Nichts ist schwerer zu ertragen, wie eine Reihe von guten Tagen! Recht hatte Kurtchen! Uns ging’s ebenso und am liebsten wären wir noch ganz lange geblieben und es wäre uns nicht langweilig geworden, jedenfalls nicht so bald.

Am vierten Tag des neuen Jahres brachte uns der Iberia-Flieger wieder nach Hause. Nasskalt. Steinlausgrau. Matschiger schmutziger Schnee auf den Straßen. Geschäftiges Treiben in der Stadt. Keine zwitschernden Vögel. Apfelsinen ohne Baum und Blüten.

Einkaufen, Wäsche waschen, Staub wischen, zur Arbeit gehen – es ist wieder Alltag.

Bis zum Frühling dauert’s ewig, bis zum nächsten Urlaub noch viel länger!

Dezember 2017

Ein Gastbeitrag von Lena Molenda

Vielen Dank, liebe Lena. Das Foto haben wir bei wikipedia gefunden:

Ellen Levy Finch (Elf), OrangeBloss wb, CC BY-SA 3.0