Als das letzte Mal so richtig was passierte in Vegesack: 50 Jahre Stadtsanierung

Sollten vielleicht 119 Häuser im unteren Vegesack abgerissen werden, wie das Bauamt Bremen-Nord es wollte? Oder „nur“ 118 wie die Pläne des beauftragen Projektenwicklers es vorsahen?  Oder nur 109, wie die CDU es wollte – immerhin 10 weniger als die 119 der SPD? Und die Vegesacker Bürgerinitiative setzte immerhin 111 Abbrüche zwischen der Breite Straße und dem Hafenrand in Vegesack auf die Streichliste. Das waren spannende Zeiten damals – genau vor 50 Jahren – als zum dritten Mal in der Republik das neue Städtebauförderungsgesetz für eine Flächensanierung zur Anwendung kam. In Vegesack gab es danach den gefühlt größten Parkplatz im Norden mit direktem Durchblick von der Breite Straße bis zum Hafen. Teile der Rohrstraße, der Reeder-Bischoff-Straße, der Alte-Hafen-Straße und das komplette Drumrum wurden „platt gemacht“.

Neun verschiedene Konzepte wurden in teils hitzigen Debatten mit jeweils mehr als 1.000 Teilnehmern im Saal der Strandlust verbal zerrissen und wieder aufgestellt. Was am Ende entstand, war ein komplett neues Mittelzentrum im Bremer Norden, in dem auch der Schwachhauser am Samstag gerne einkaufte. Alles Geschichte – 50 Jahre alt und nur die Älteren können sich noch an die Glücksgefühle nach der Fertigstellung erinnern.

Nicht nur das Zentrum profitierte von den Millionen, die vorwiegend vom Bund nach Vegesack flossen. Auch an der Promenade und rund um den Hafen blieb manche Millionen, damals noch in D-Mark, auf der Strecke.  Die Verbindungen zwischen der Promenade und dem Zentrum (der sogenannte Balkon) sorgte für eine direkte Anbindung der Fußgängerzone an die heutige Maritime Meile. Am Hafen wurden sämtliche Freiflächen, beispielsweise der Hafenwald, neu angelegt und die Klappbrücke sorgt seitdem nicht nur in Vegesack für erhebliches Aufsehen. Das Spielschiff entstand – das gerade in diesen Tagen mit neuer Planung und großer Bürgerbeteiligung neu entsteht – und die schwimmenden Stege im Hafen wurden nicht nur zum Anlegen, sondern auch in veränderter Formation als Bühne für Veranstaltungen konzipiert.

Gleich neben dem Hafenbecken entstand das Hafenmeisterhaus mit einem Ticket-Shop. Neu projektiert wurden seitdem alle Freiflächen rund um den frisch alt/neu gestalteten Speicher, den Liegeplatz von SCHULSCHIFF DEUTSCHLAND, sowie das Nautilus- und das Schulschiffhaus, die zur Ergänzung des Ensembles zwischen dem Lürssen-Gebäude und dem Alten Speicher gedacht sind.

Nicht zuletzt wurde im Rahmen dieser Millionen-Investitionen auch der Museumshaven offiziell gegründet. Zuvor musste die Bremische Bürgerschaft den Hafen offiziell aus der Hafenordnung entlassen – er war danach also kein gewerblicher Anlegeplatz mehr. „Hausherr“ ist seitdem die Wirtschaftsförderungsgesellschaft.

Die Liste der Investitionen und Projekte im Rahmen der Vegesacker Stadtsanierung ist damit noch längst nicht erschöpft. Ebenfalls nicht die Liste der Veränderungen rund um den Museumshaven, der zwar nicht der älteste künstlich angelegte deutsche Seehafen, aber immerhin einer der ältesten ist.

„Vegesack attraktiv machen“ – war einer der Grundsätze. Dringend nötig damals. Die Abwanderung der Fischerei, der Umzug der Tauwerke, später die Pleite des Bremer Vulkan mit allem, was faktisch und psychologisch mitgerissen wurde.

Woran es noch zu mangeln scheint, sind möglicherweise die weichen Standortfaktoren. Wenn auch Events wie gerade das Festival Musik-Maritim mit sechsstelligem Besucherrekord, das Vegesacker Hafenfest als überregional geachtetes Rockfestival und – ganz anders – die Pappbootregatta mit mehrjähriger Tradition keine Mühe haben, auch das ZDF mit seinen bundesweiten Sendeplätzen nach Vegesack zu locken.

Unerledigt bleibt allenfalls noch die Attraktivität im Hafen, die Lebendigkeit während der Saison, sowie allerlei Aktionen rund um das Maritime. Die regemäßigen Rundfahrten mit der MTV-Barkasse VEGEBÜDEL haben inzwischen deutlich zur Attraktivitätssteigerung beigetragen. Ob auch der Neubau des Hafenkontors mit Polizeirevier, Hotel, Läden und Gastronomie ein weiterer Pluspunkt sein wird, muss sich erweisen. Spätestens in zwei Jahren, wenn der 400. Geburtstag des Vegesacker Hafens gefeiert wird.