Der „Apotheker aus Vegesack“ ist gestorben – Dr. Friedrich Hennemann wurde 84 Jahre alt – Ein Kommentar von Wolfgang Kiesel

Der Anfang und das Ende: die BV2 VEGESACK, das erste Schiff des Bremer Vulkan von 1895 – Der Bockkran als weithin sichtbares Sympol des Bremer Vulkan und das letzte Exemplar von mehr als 100 Jahren Handelsschiffbau auf der Werft.


Friedrich Hennemann – in seiner Partei der SPD nur „Fidi“ genannt –  und mich verbindet eine für uns beide enorm wichtige Sache: Als die Großwerft Bremer Vulkan AG vor rund 25 Jahren in die Pleite rutschte, riefen alle nach dem Staatsanwalt. Vor allem für den studierten Volkswirt und Apotheker, ehemaligen Senatsdirektor, Finanzvorstand, Vorstandsvorsitzenden und letztlich für den Konkurs verantwortlichen Hennemann. Uns beide verband stets bestenfalls eine kritische Distanz. Meine Berichterstattung in norddeutschen Tageszeitungen über viele Jahre hinweg missfiel ihm erheblich und mein Buch („Bremer Vulkan – Aufstieg und Fall“) über 200 Jahre Schiffbaugeschichte in Vegesack, ärgerte ihn dermaßen, dass er noch vor wenigen Monaten mich anrief, und mir ein durchaus lukratives Angebot zur Übernahme der Veröffentlichungsrechte des Buches machte. Meine Antwort war:Nein!

Unsere Übereinstimmung fand auf ganz anderem Gebiet statt.

Nachdem ein durchaus karrierebewusster Staatsanwalt extra von der Elbe an die Weser wechselte und das größte Wirtschaftsstrafverfahren seit Jahrzehnten in Aussicht stellte, war Hennemann und mir klar:  Das wird nichts! In mehreren persönlichen Gesprächen seither stimmten wir überein, dass er niemals für die Vulkan-Pleite rechtskräftig verurteilt werden wird. Und so war es! Das letzte Verfahren gegen ihn wurde vor ziemlich genau zehn Jahren ergebnislos eingestellt!

Hennemann war 1987 aus dem Haus des Wirtschaftssenators in die Vorstandsetage der Großwerft „versetzt“ worden. Es galt, Binsenweisheiten zu widerlegen. Zu einer Zeit, in der die größte deutsche Reederei ihre Schiffbauaufträge aus Hamburg direkt auf chinesischen Werften platzierte und in Korea mit unvergleichbaren Kalkulationsdaten Stahlplatten zu Schiffsriesen zusammengebraten wurden, dauerte alles in Vegesack zu lange. Der Unterweser-Werftenverbund war zu piefig und der Schwenk zum Spezialschiffbau zu kompliziert für die Vegesacker.

Nur die Ideen und Visionen wurden nicht weniger. Ein Beispiel: „From Road to Sea“ beschrieb ein Konzept, das eine Antwort auf die Problematik von vielen Tausend Lastzügen täglich von Skandinavien in die Beneluxstaaten und nach Frankreich und Spanien liefern sollte. Die LKW belasten noch heute die bundesdeutschen Autobahnen und führen höchstwahrscheinlich zu einem zweiten Elbtunnel und zur Küstenautobahn A20. Besser und preiswerter? Wohl kaum.

Spätestens Anfang der Neunziger Jahre benötige niemand auf dem internationalen Schiffbaumarkt den Bremer Vulkan. Die deutsche Wende brachte nicht nur das DDR-Kombinat Schiffbau mit mehr als 42.000 Mitarbeitern und wenig Aussichten in den Wettbewerbskampf, sondern auch noch die Treuhand-Anstalt, denen 1-Euro-Verkäufe, verbunden mit Millionen-Subventionen, allemal die bessere Lösung als die Kündigung aller Mitarbeiter erschien. „Weg und gut!“ – und Hennemann kassierte für Bremen und Bremerhaven jedes Mal mit.

Hennemann wurde zunehmend realitätsfremder. Seine Partei schwankte zwischen internationalen Wirtschaftserkenntnissen und dem Arbeitsplatzerhalt für Vegesacker Schweißer und Schiffbauer hin und her und als er sich über seinen Pressesprecher die kritische Berichterstattung von mir verbat – ich würde sonst zu Pressekonferenzen nicht mehr zugelassen – war mir klar: Die Welt war noch nicht reif für die Hennemanns …

Mancher Politiker, etliche Journalisten und zahlreiche Funktionäre und selbsternannte Wirtschaftswaisen spielten teilweise ein übles Spiel mit zuletzt gut 22.000 Mitarbeitern im Konzern. Hennemann schob den Konzern unbeirrt und mit festem Erfolgsglaubens in den Konkurs, der nicht nur Vegesack von Grund auf veränderte.

Bis zu seinem Tod blieb er dennoch seiner Partei treu und bis heute straffrei. Da hatten wir beide Recht. Und meine Belege dafür fanden sich später in den Berichten der Parlamentarischen Untersuchungsausschüsse zum Konkurs des Bremer Vulkan in Bonn, Schwerin und Bremen.

So eine echte Befriedigung blieb aber angesichts der vielen Schicksale der Betroffenen im Bremer Norden bei mir aus.

Wolfgang Kiesel