Der „hellste Stern“ hilft bei der Wracksuche

Fassmer-Taufe: ATAIR ist das erste seegängige deutsche Behördenschiff mit LNG-Antrieb . Derzeit sind gleichzeitig Schiffe von drei Bundesministerien „auf dem Hof“

Ganz unscheinbar ragt der rund 9 Meter lange Klüverbaum des Großseglers GORCH FOCK der deutschen Marine aus der Fassmer-Halle in Motzen. Davor, an der Ausrüstungspier, warten die beiden Bundespolizei-Einsatzschiffe BAMBERG und BAD DÜBEN auf ihre Auslieferung und mit der  ATAIR gleich achteraus fand die Taufe des jüngsten Forschungs- und Wracksuchschiffes für das Bundesamt für Seeschifffahrt statt. ATAIR (gesprochen: A-TA-IR) ist der hellste Stern im Sternbild des Adler, weiß das Lexikon und diese Helligkeit können die maximal 15 Forscher (plus 18 Besatzungsmitglieder)  an Bord des 74 Meter langen Neubaus auch gut gebrauchen. 1987 kam die zu Lürssen gehörende Kröger Werft in Schacht Audorf beim gleichnamigen ATAIR-Vorgänger noch mit rund 51 Meter Schiffslänge aus. Doch der Aufgabenbereich der wissenschaftlichen Mitarbeiter an Bord hat sich in mehr als drei Jahrzehnten deutlich verändert. So ist wohl auch die Kostensteigerung von 14 Mio. Euro auf 114 Mio. Euro zu verstehen.

Die ATAIR an der Pier der German Naval Yards in Kiel, die den schiffbaulichen Teil des 114 Mio. Euro-Auftrages übernommen hatten.

Die ATAIR wurde jetzt von Elke Ferlemann getauft. Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur stellte bei dieser Gelegenheit gleich zwei weitere hochmoderne Schiffbauaufträge für das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie in Aussicht.

Die ATAIR wird Anfang des kommenden Jahres auf Nord- und Ostsee erprobt. Hauptsächlich angetrieben von LNG (Flüssigerdgas) für den Dieselgas-elektrischen Antrieb. 130 Kubikmeter Flüssiggas passen in den Tank – die reichen für etwa 10 Tage auf See. Nachschub kommt derzeit noch immer per LKW aus Rotterdam, weil die Bundesrepublik Deutschland sich noch auf keinen Standort für ein LNG Terminal einigen konnte. Dem Vernehmen nach läuft noch immer eine Ausschreibung; Brunsbüttel und Wilhelmshaven sowie Rostock sind wohl in der engeren Wahl. LNG wird für den Transport und die Lagerung auf ein Sechshundertstel seines Volumens reduziert. Umweltschützer kritisieren aber den Einsatz als Treibstoff – hauptsächlich wegen der Freisetzung von Methan im Betrieb. Bei der ATAIR stehen vor allem die Geräuscharmut während des Forschungsbetriebes im Vordergrund.

Schiffbauerisch wurde der Kasko der ATAIR bei der German Naval Yards in Kiel gebaut, im Dezember 2017 war die Kiellegung. Im März diesen Jahres wurde die fertige Hülle des Forschungsschiffes dann zur Endausrüstung nach Berne zu Fassmer verholt. Die Reisegeschwindigkeit steht bei der ozeanographischen und geologischen Arbeit der mitreisenden Wissenschaftler an Bord offenbar nicht im Vordergrund. 13 Knoten, also etwa 24 Stundenkilometer, sind höchstens vom 1.360 PS-Elektromotor für die Forschungsfahrten auf Nord- und Ostsee, aber auch auf dem Nordatlantik, zu erreichen. Die beiden Elektrogeneratoren tragen mit 4.242 PS zur hybrid erzeugten Generatorleistung bei. Zwei Strahlruder in Bug und Heck sorgen zudem für höchste Manövriergenauigkeit. Optisch etwas gewöhnungsbedürftig erscheint die hohe Back mit dem senkrecht abfallenden Steven.