Der Vegesacker Hafen: Beim Datum der Einweihung herrscht noch Uneinigkeit

Es gibt ganz sicher was zum Feiern, wenn der Vegesacker Hafen – heute Museumshaven genannt – 400 Jahre alt wird. vegesack-maritim.de hat das wichtigste Datum im Sommer 2018 schon mal in den Mittelpunkt gestellt: Am 14. Juli 1618 erfolgte der offizielle Startschuss zu den Bauarbeiten für den Vegesacker Hafen. An diesem Tag beauftragte der Bremer Senat in Abstimmung mit dem Haus Seefahrt, das die Finanzierung der Kosten in Höhe von 11.600 Speziesthalern übernommen hatte, die beiden holländischen Wasserbau-Sachverständigen Wilken Unkes van Vermessen und Dirik Jansen van Leerdamm sowie den Bremer Wallmeister Jacob Claußen mit dem Bau des Hafens an der Auemündung. Bei der Feststellung, wann diese Bauarbeiten offiziell beendet wurden, sind sich die Historiker allerdings nicht einig, was den Termin einer möglichen Geburtstagsfeier einerseits erschwert, andererseits aber auch flexibel macht.

„Die Teilnahme, welche das Haus Seefahrt an der Anlage und Unterhaltung unseres ersten künstlichen Hafens an der Weser, während des ganz Laufs des 17. Jahrhunderts gehabt und die Beihülfe, welche sie bei diesem für die Weserschiffahrt für einige Zeit so wichtigem Werke geleistet hat, stellt die Bedeutung dieses Hauses, als eines Institutes für die Überwachung aller Interessen der Schiffer in ein besonders helles Licht.“ Johann Georg Kohl, Autor dieser Zeilen und Chronist des Hauses Seefahrt, machte schon 1862 deutlich, dass es vor allem die Schiffer waren, die großes Interesse an dem Bauwerk hatten. Und zwar weniger am Umschlag im Vegesacker Hafen, sondern in erster Linie als Liegeplatz fürs Winterlager und die Instandsetzungsarbeiten an den Schiffen.

Der Vegesacker Hafenbau konnte jedoch erst einmal nicht beginnen. Denn die nach langen Untersuchungen ausgewählte Auemündung in Vegesack – nur knapp dem zweiten Standort Blumenthal überlegen – erwies sich plötzlich als ungeeignet. Zuerst mussten die Holländer die Auemündung verlegen, wollte man regelmäßige Baggerarbeiten gegen die drohende Versandung vermeiden. Aber im Frühjahr 1619 sollten der eigentliche Hafenbau beginnen und dies, obwohl seit mehreren Monaten in Deutschland Krieg geführt wurde. In die Geschichtsbücher ging er als der Dreißigjährige ein. Doch Wirtschaft und Außenhandel prosperierten in Bremen während dieser Zeit.

Wann aber liefen die ersten Schiffe in den neugebauten Vegesacker Hafen ein? Historiker, ansonsten die Herren von Daten und Fakten, sind sich an dieser Stelle eindeutig uneins. Prof. Herbert Schwarzwälder, dessen „Geschichte der Freie Hansestadt Bremen“ in fünf Bänden manches Bücherregal schmückt, berichtet: Schließlich zog man auch niederländische Sachverständige heran, und so begann dann auf Initiative von Schiffern und Kaufleuten im Frühjahr 1619 der Hafenbau, nachdem man die Aue verlegt hatte. Im Sommer war das kostspielige Werk vollendet.“ Für diese kurze Bauzeit spricht die in der Chronik von Haus Seefahrt festgehaltenen Fahrwasserverhältnisse in Vegesack. Die Mündung der Schönebecker Aue in die Weser sei „albereitdes mit so einer Dupte (Tiefe) begabet“, dass man hier ohne größere Austiefungsarbeiten auskomme. Den Zuflüssen von Ochtum und Lesum wurde zugetraut, die Fahrwassertiefe von drei bis vier Metern auch langfristig für die Vegesacker Hafeneinfahrt zu ermöglichen. In Höhe der stadtbremischen Umschlagstelle, der Schlachte, konnten die Bremer zur Zeit des Hafenbaus in Vegesack von der Altstadtseite zum Teerhof durch die Weser waten.

Dr. Ulrich Weidinger, Historiker an der Bremer Uni und Spezialist für den Vegesacker Hafen, stellt fest, dass „mit der Gründung des Vegesacker Hafens im Jahre 1618 erstmals seemännisch-nautisches Flair in den kleinen Ort an der Aue- respektive Lesum-Mündung einzog.“ Er schreibt dies, nicht ohne zu erwähnen, dass dieser Aufschwung nur 200 Jahre bis zur Gründung Bremerhavens 1827 anhielt.

Dr. Weidinger erkennt in seinen Recherchen einen ganz anderen Verlauf der Bauarbeiten in Vegesack. Die Annahme der Schiffer, dass auch die durch den Hafen fließende Aue für ausreichende Wassertiefen sorgen werde, sei eine folgenschwere Fehleinschätzung gewesen. „Anstatt wie erhofft, einer Verunreinigung des Hafens vorzubeugen, spülte die Schönebecker Aue ganz im Gegenteil unablässig Sand und Schlick in den Hafen, sodass dieser kleine Wesernebenfluss bereits 1623, unmittelbar nach Fertigstellung des Hafens, abgedämmt und in einem großen Bogen östlich um den Hafen herumgeleitet werden musste.“

Lüder Halenbeck, auf dessen Standardwerk sich die allermeisten historischen Quellen zur Vegesacker Geschichte berufen, schreibt in seiner 1874 erschienenen „Geschichte der Stadt Vegesack“: „Nachdem die Anlage des Hafens zu Vegesack im Jahre 1623 vollendet war nahm auch der Schiffsbau daselbst seinen Anfang; beschränkte sich während der ersten Zeit nur auf das Reparieren und Kalfatern der Schiffe, was stets unter Leitung und Anweisung des Hafenmeisters und nur im Hafen geschah.“

Dietrich Steilen, ebenfalls ein Vegesack-Chronist, beschreibt die Vorbereitung und den Bau und die Kosten des Hafens vergleichsweise detailliert, und stellt fest: „Im Sommer 1622 war der Hafen fertig!“

Johann Georg Kohl, dessen Chronik des „Haus Seefahrt zu Bremen“ 1862 veröffentlicht wurde und in der Bayerischen Staatsbibliothek erhalten geblieben ist, stellt schlicht fest: „Ausgemacht ist nur, dass der Hafenbau zu Vegesack, zu dem die Seefahrt (Anm.: „Seefahrt“ meint das Haus Seefahrt) so bedeutend vorgeschossen hatte, unter der Aufsicht und Leitung der Vorsteher des Hauses, denen zwei erfahrene Schiffer assistierten, ausführt und im Jahre 1622 oder 23 beendigt wurde. Während des vierjährigen Hafenbaus verwandte die Seefahrt noch ferner so viel auf dies Unternehmen, daß am Ende alle ihre Auslagen sich auf die Summe von 11.000 Thalern – oder wie andere Angaben behaupten – von 32.000 Bremer Mark beliefen.“

Das Autorenteam aus Wendelin Seebacher, Jutta Never, Anne Havliza und Wolfgang Kiesel schreibt in der 2002 erschienenen Chronik des Vegesacker Hafens („Unser ältester Hafen“) über den Dreißigjährigen Krieg und die bremischen Abwehrmaßnahmen dagegen: „Wahrscheinlich haben sich die Menschen in dieser Zeit mit anderen Dingen beschäftigt, denn 1622 wird nicht viel Aufhebens von der Eröffnung des Vegesacker Hafens gemacht. Dabei hätten die Beteiligten doch allen Grund zum Feiern. Schließlich wird hier der erste künstlich angelegte Seehafen Deutschlands aus der Taufe gehoben.“

Zur Feier des 400. Geburtstages des Vegesacker Hafens lassen sich also jede Menge Daten finden. Und bei genauer Betrachtung sogar mehr, als hier angegeben. Bereits 20 Jahre zuvor, die Schiffer nutzen die Mündung von Aue und Lesum traditionell als Winterlager für ihre Schiffe, wurde die Auemündung zum Umschlagplatz. Es wurden – offenbar mit Duldung des Rates – Fassadenteile des Rathauses der niederländischen Stadt Leiden verladen, die der Bremer Steinmetzmeister Lüder von Bentheim in seiner Werkstatt gefertigt hatte. Nach Vegesack transportieren Leichter die Steine, umgeladen wurde sie in Vegesack auf niederländische Seeschiffe.

Wie der Historiker Weidinger herausgefunden hat, geht es mit dem Hafen in Vegesack sogar noch älter. 1042 wurde die Deutsche Bucht zuletzt von „plündernden Wikingerscharen“ heimgesucht, die damals erneut, wie schon 50 Jahre zuvor, marodierend bis nach Lesum vordrangen, das als zentraler Wirtschaftshof eines ausgedehnten königlichen Villikationsbezirks besonders reiche Beute versprach. Sie hatten ihre Schiffe wohl in der Lesum-Mündung zurückgelassen. Dort wurden sie von einem nachrückenden sächsischen Heerestrupp offenbar vernichtend geschlagen, wie mittelalterliche Quellen berichten.