Mehr als eine Baustelle am Hafen?

Zur MARITIME MEILE gehört auch Zukunftsarbeit – und nicht nur Beifall

Der Blick auf SCHULSCHIFF DEUTSCHLAND war eher unmöglich. Ob sich das nach dem Neubau des Quartiers ändert, werden die Vegesacker und ihre Gäste in vielleicht zwei Jahren sehen.

Mit dem Abriss der Glasbrücke des Haven Höövt in diesem Monat wird eine Zeitenwende im maritimen Teil Vegesacks eingeläutet. Beinahe nichts wird in rund zwei Jahren so sein, wie jetzt. Auch bei den wichtigen Elementen der Maritimen Meile? Nicht alle der meist ehrenamtlich Tätigen blicken nur positiv in die nahe Zukunft. Da gibt es Entwicklungen, auf die reagiert werden sollte. Der eine oder andere hat Visionen, wie dieser Teil unserer kleinen Stadt in drei Jahren aussehen könnte. Dabei gibt es Grenzen, deren Überwindung im Pflichtenheft von Vereinsfunktionären und ihren Gesprächspartner ganz oben auf der Prioritätenliste stehen sollten. Wer hat das im Blick?

Zur einen Hälfte ist die Brücke schon weg. Und noch im Oktober soll die komplette Verbindung zwischen den beiden Bauteilen des Haaven Hövt verschwunden sein.

Der Blick in den Museumshaven wird garantiert nicht erlebnisreicher und so könnte er sich darstellen:

  • Die drei großen Schiffe, BV2 VEGESACK, VERANDERING und FRANZIUS sind im Sommerhalbjahr bis weit in den Oktober hinein unterwegs und müssen „Geld verdienen“, um sich zu finanzieren.
  • Die ATLANTIC, für Fachleute seit langem ein trauriger Anblick, ist verkauft und wird Vegesack – zur vielleicht letzten Reise – in Richtung Ostsee verlassen.
  • Der Kutter KORMORAN, seit Jahrzehnten eines der Vorzeigeschiffe im Museumshaven, ist verkauft und hat inzwischen seinen Liegeplatz bei der Schiffergilde in Bremerhaven.

Was bleibt, ist nicht immer schön anzusehen.  Gesucht werden also für die Zukunft attraktive Traditionsschiffe und Oldtimer, die den Gedanken maritimer Geschichte auch optisch und technisch im Museumshaven darstellen können. Parallel dazu muss über die Liegeplatzverteilung im Hafen, über die Hafenordnung und vielleicht sogar über die Trägerschaft des Museumshaven gesprochen werden. Das wäre doch schon mal ein tolles Projekt für den 400. Geburtstag. Wer hat das übernommen?

Wichtigstes maritimes Aushängeschilde am Startpunkt der Maritimen Meile ist SCHULSCHIFF DEUTSCHLAND. Innerhalb der maritimen „Marke“ Vegesacks wird der historische Großsegler allzu oft weit unter Wert verkauft. Hier sollte es deutlich mehr Unterstützung aus Vegesack geben. Wer unterstützt den Schulschiff-Verein?

Um die nächste Großreparatur am Rumpf darf man sich vielleicht inzwischen weniger Sorgen machen, als noch vor Jahren. Damals hatte es allerlei Kraftakte bedurft, um mehr als eine Million Euro Reparaturkosten zusammenzubringen. Inzwischen bewilligte der Bundestag 120 Millionen für den Hamburger Großsegler PEKING und 17 Million für das Flaggschiff der Bremerhavener Museumsflotte, die SEUTE DEERN. Die andere Hälfte der mehr als 30 Mio. Gesamtkosten zahlt der Bremer Senat und die Stadt Bremerhaven, damit der Rumpf des Seglers im Hafen des Deutschen Schifffahrtsmuseum erneuert werden kann.

Gibt es für SCHULSCHIFF DEUTSCHLAND ausreichenden politischen Willen in Vegesack und Bremen?

Spätestens bis zur nächsten Sail im Jahr 2020 sollen auch mehr als eine Million Euro in die zukünftig schwimmende Anlage der Schiffergilde Bremerhaven im Alten Hafen gleich nebenan investiert werden, was in Vegesack Hoffnung auf großzügige Unterstützung im Bedarfsfall aufkeimen lässt.

Manche Hoffnung ist bereits erfüllt: An der Maritimen Meile nähern sich an gleich mehreren Stellen die Durststrecken ihrem Ende entgegen:

Der Schlepper REGINA wurde von Funkamateuren und Mitgliedern des MTV Nautilus aufwändig rekonstruiert und wird nun regelmäßig durch einen Zugang im Rumpf auch öffentlich zugänglich gemacht.

Die Signalstation hat eine „Bauchbinde“ aus jeder Menge Informationen und digitalen Anzeigen erhalten. Noch nicht alles ist wirklich nachvollziehbar. Korrekturen sind angekündigt.

Die Signalstation hat sich – initiiert vom Stadtgartenverein – äußerlich zu einem zeitgemäßen maritimen Info-Point mit Digitalunterstützung (Link) gemausert. Im Gebäude mit dem tollsten Arbeitsplatz an der Promenade, hat sich jetzt der ehemals behördlich betriebene Aussichtspunkt ebenfalls enorm verändert. Besuche dort oben (Wiedereröffnung am 19. Oktober um 17 Uhr) erscheinen sehr lohnenswert. Ehrenamtliche Unterstützer sind dort  herzlich willkommen.

Schräg gegenüber der Signalstation steht das sogenannte „Papageien-Haus“, über Jahrzehnte hinweg Heimat des Vegesacker Rudervereins. Inzwischen ist das Haus weitgehend geräumt und die zukünftige Nutzung, so hört man aus der Kommunalpolitik, könnte zum Inhalt behördlicher Kungelrunden avancieren. Wer hat das im Blick?

Apropos: Das Vegesacker Geschichtenhaus hat nach seinem tollen Start bisher den ersten Stock des Alten Speichers temporär für Ausstellungen und andere Aktionen genutzt. Hier könnte die Bras sicher bei der Findung weiterer Nutzungen im Sinne des Standortes Unterstützung benötigen. Und gleich nebenan eignet sich auch das Nautilushaus für kleine und maritim-intime Veranstaltungen für bis zu 20-25 Personen, die an dieser Stelle eine besondere Atmosphäre versprechen. Das Haus ist ein tolles Aushängeschild für kleine Gruppen, die das maritime Vegesack besuchen. Gibt es weitere Ideen und Pläne dafür?

Am Anleger vor der Signalstation starten auch zukünftig die Ausflugsschiffe nach Worpswede, weserabwärts bis Bremerhaven und Oldenburg und selbstverständlich auch zurück in die Stadt Bremen bis zur Schlachte. Auch Rundfahrten auf Weser und Lesum soll es geben. Der Plan steht seit längerem, doch die Barkasse VEGEBÜDEL des MTV Nautilus hatte Probleme mit ihrer 82 Jahre alten Maschine. Noch im Herbst soll das Museumsstück mit seinem 42-Liter-Diesel aber wieder rundlaufen, so dass den Rundfahrten in der kommenden Saison nichts mehr im Wege stehen sollte.

Der historische Kutter KORMORAN an seinem neuen Liegeplatz inmitten der Flotte der Schiffergilde Bremerhaven.

Womit diese kleine Tour de Raison im maritimen Vegesack wieder im Museumshaven gelandet ist. Es fehlen attraktive Schiffe, um die herum Leben in der Traditionsschifffahrt stattfindet, und zwar weit über das hinaus, was aktuell dort stattfindet.

Dennoch: Es soll und muss Veränderungen geben. Ein Beispiel ist die geplante Aufstellung eines Kajenkrans von A&R. Was in Dutzenden anderer Häfen in Deutschland und darüber hinaus möglich ist, sollte doch auch in Vegesack zum Ziel von Umgestaltungen und Regeländerungen erkoren werden: Die Marke der Maritimen Meile in Vegesack muss weiterentwickelt werden. Nur dann kann der Museumshaven mit seinem Umfeld beiderseits zu einem wahren und lebendigen Schmuckstück wachsen und gedeihen.