Rolandwerft: Der Name ist auch Teil der Geschichte der Familie Lürssen

Der spektakuläre GORCH FOCK-Auftrag rückt die 107 Jahre alte Werftmarke wieder in den Mittelpunkt

Seit rund 10 Jahren gehört der Werftplatz gegenüber dem nordbremer Ortsteil Rönnebeck, inzwischen mit einem großen Schwimmdock ausgestattet, zur Lürssen-Gruppe. Doch ist das längst nicht die einzige Verbindung zwischen den beiden Unternehmen – Lürssen und der Rolandwerft. Immer wieder seit der Gründung 1913, seinerzeit noch ausschließlich in Hemelingen, kurz oberhalb des Weserwehrs, kamen die beiden Namen zusammen. Und das wichtigste Bindeglied zwischen der Vegesacker Werft und der Rolandwerft heißt Karl Vertens. Und der Ursprung des Namen „Roland“ ist auch ein bisschen kurios. Doch beginnen wir von vorne. Es ist nämlich eine sehr ungewöhnliche Geschichte:

Der kleine Karl Vertens ist ungewöhnlich talentiert. Alle Versuche seiner Eltern, ihn in anderen Berufen zu etablieren, müssen geradezu scheitern. Aufgewachsen in Wyk auf Föhr, konstruiert und baut er als 12jähriger (1892) ein Paddelboot und stattet es nachträglich mit einem handgetriebenen Schaufelrad aus – sein „Raddampfer mit Handantrieb“. Karl hatte stets seinen eigenen Kopf – verließ die Insel, zog nach Elmshorn und lernte bei Tormählen & Co., wie hölzerne Fischkutter und stählerne Hafenbarkassen gebaut werden. So steht es in der wunderbaren Kurzbiografie vom Freundeskreis Klassische Yachten. Kaum 20 Jahre alt trat er ins Technikum in Bremen ein und wurde Schiffbauingenieur um gleich nach Studienabschluss seine „Wanderjahre“ zu absolvieren. Bei Tecklenburg in Bremerhaven, wo auch die SCHULSCHIFF DEUTSCHLAND wie etliche andere Großsegler entstanden ist. Im russischen Nikolajev konstruierte er Bagger, Schlepper und Torpedoboote und segelte am Wochenende auf dem Schwarzen Meer. Damals nahm man es sehr genau mit der Schiffskonstruktion: Den Linienriss zeichnete man genau auf einen 6 Meter langen Marmortisch, der nicht – wie das Papier- je nach Temperatur und Luftfeuchtigkeit seine Maße veränderte.

Nach den Wanderjahren, die ihn mit allen Sparten des allgemeinen Schiffbaus bekanntgemacht hatte, begann Karl Vertens sein besonderes Interesse für den Motorboot-und Yachtbau zu entdecken, heißt es in der Vita. In den Jahren 1904 und 1905 betrieb Vertens ein „Schiffbau-Bureau“ im kaiserlichen Berlin, das seinerzeit noch nicht „arm und sexy“ war, sondern von Hochadel und Industriellen geprägt schien. Eine der Yachten, die er in dieser Zeit konstruierte, eine 19 Meter lange Motoryacht, wurde bei Lürssen in Vegesack gebaut. Das führte zur nächsten Station des mit 25 Jahren noch immer jungen Schiffbauingenieurs. Noch während des Baus „seiner Yacht“ trat Vertens in die Konstruktionsabteilung von Lürssen ein, die damals schon sehr erfolgreich an der Entwicklung von motorisierten Rennbooten und Yachten arbeitete. „DONNERWETTER“ taufte man seinerzeit das schnellste Boot, immerhin 65 Stundenkilometer schnell. Dort begegnete dem jungen Ingenieur auch der Bruder des Chefs Friedrich Lürßen, Otto Lürßen. Als Leiter der Konstruktionsabteilung entwickelte Vertens gemeinsam mit den Motorherstellern repräsentative und seetüchtige Motoryachten, die mehrere Weltrekorde einfuhren.

Für Rennboote und Motoryachten war das erste Jahrzehnt des Jahrhunderts die Zeit der Forschung. Vertens richtige bei der Lürssenwerft einen runden Versuchskanal für die Schleppversuche neuer Rümpfe ein. Trotz dieser großen Erfolge und der daraus resultierenden Freiheiten, die Karl Vertens in Vegesack erfuhr, blieb der Wunsch, sich selbstständig zu machen.

Im Familienunternehmen Lürßen standen damals grundlegende Veränderungen an. Der Firmengründer Friedrich Lürßen zog sich aus der Geschäftsführung zurück, mit ihm der sehr erfolgreiche Prokurist Martin de Cuvry, ihnen folgten an der Spitze der Werft Otto Lürßen und Karl Vertens, für den der bisherige Kollege damit zum Chef wurde. Außerdem war er zwischenzeitlich „der Schwager“, nachdem er Friedrich Lürßens Tochter Käthe geheiratet hatte.

Für Vertens wohl alles gute Gründe, die Lürssenwerft zu verlassen. Die Familie nahm es ihm wohl nicht so krumm, zumal der Markt für luxuriöse Yachten allerorten genügend Wachstum versprach und man Vertens als Konkurrenten offenbar nicht fürchtete. Den Absprung in die Selbstständigkeit lieferte ihm ausgerechnet ein Lürssen-Kunde: der wohlhabende Bremer Küpermeister Adolph Martin Riechmann. Seine 25.000 Goldmark ermöglichten Karl Vertens die Gründung seiner eigenen Werft. Ein Name dafür war schnell gefunden. Die 22 Meter lange Motoryacht, die Riechmann gerade bei Lürssen bauen ließ, taufte der auf den Namen ROLAND.

Und die Hemelinger Rolandwerft florierte. Bereits 1917 konnte Vertens seinen Partner auszahlen. 1918 – im Zeichen der Aufrüstung vor der Ersten Weltkrieg –  holte er Frieda Lürßen, Ehefrau seines Schwagers Otto, mit einem Anteil von 15.000 Mark als Kommanditistin in die Firma. Sie erhielt auch Prokura. Zwischendurch war Karl Vertens auch noch einige Zeit im Reichsmarineamt und hatte unter Geheimrat Bürkner gearbeitet, der dem Kaiser und seinem Großadmiral Tirpitz die Linienschiffe entwarf. Eine offenbar weitsichtige Unterstützung.

Der Krieg brachte für die Rolandwerft im seinerzeit Hannoverschen Hemelingen keine Unterbrechung in den Auftragsbüchern. Die Marine gab Torpedo-Schnellboote in Auftrag, und bei der Konstruktion des Entwicklungsbootes „Köro“- (Körting-Motoren in dem Boot der Rolandwerft) wurden völlig neue Wege beschritten. Das seefähige Stufengleitboot erreichte bei Probefahrten auf der Weser die seinerzeit unerhörte Geschwindigkeit von 42 Knoten, also 78 Stundenkilometer! Weiter wurden von der Rolandwerft Flugzeugschwimmer hergestellt, bei deren Berechnung man ebenfalls völlig neuen Problemen gegenüberstand. Zu ihrer Beplankung benutzte man Sperrholz, das es aber nicht wie die heutigen Bootsbauplatten fertig zu kaufen gab. Selbst den dazugehörigen Kasein-Leim musste man selbst anrühren.

Und das Team aus Karl Vertens und der Schwägerin Frieda Lürssen funktionierte offenbar. Unmittelbar nach Kriegsende 1918 konzentrierte sich die Rolandwerft auf schwedische Kunden, baute elegante Seekreuzer und als Brot-und-Butter-Aufträge Nutzfahrzeuge.

Und wieder gibt es Preise für die Konstruktionen von Karl Vertens. 1923 gewinnt beispielsweise sein formschöner Seekreuzer HELGOLAND die deutsch-schwedische Seewettfahrt Travemünde-Trelleborg. Den Ehrenpreis für Vertens Konstruktion stiftete Dr. Krupp von Bohlen und Halbach.

Bis 1926 lief alles auf der Rolandwerft in Hemelingen alles bestens. Dann erkrankt Karl Vertens und zieht sich mit seiner Frau Käthe auf Gut Winning zurück und wollte Landwirt werden.

Die Rolandwerft wurde an den Bremer Yachtkonstrukteur Erich Schierenbeck. Er führt im wesentlich das Bauprogramm von Vertens fort. Ab Mitte der Dreißiger Jahre kommen Frachtmotorschiffe hinzu und wieder Marineaufträge. Nach dem Zweiten Weltkrieg startet der Schiffbau in Hemelingen erst 1948. Für die folgenden Jahre berichtet die Chronik von einem „stark exportorientierten Produzenten von Kleinschiffen, Küstenmotorschiffen und Spezialtonnage“ für die sich die Position direkt hinter dem Weserwehr zunehmend als Hindernis erweist.

Deshalb starten 1959 in Ganspe die Bauarbeiten für einen zweiten Betrieb – auch unter dem Namen Rolandwerft. Ein zweites Standbein als Dock- und Reparaturbetrieb für Umbauten und Ausrüstungen. Bis 1963 dauert es bis zum ersten in Ganspe fertiggestellten Schiffsneubau und schon sechs Jahre später muss der Betrieb einen Insolvenzantrag stellen. Das Verfahren erweist sich als Kompliziert und schleppt sich vier Jahre hin.

Schon während des Verfahrens kauft sich der Bremer Detlef Hegemann in die Rolandwerft ein und die firmiert danach als Detlef Hegemann Rolandwerft. Erst 2010 schließt sich der von Karl Vertens begonnene Kreis. Der Name Rolandwerft verschwindet nach der Übernahme durch die Familie Lürßen.

Diese Quellen haben uns bei der Recherche geholfen:

Die Familie Vertens: http://www.vertens-werft.de/

Vertens-Bootsbau: www.vertens.de

Die neue Werft: https://www.vertens.com/aboutus.html

Boots und Schiffbauer-Verband Vertens

https://www.dbsv.de/sites/default/files/bootswirtschaft/pdf/vertens.pdf

Klaus auf dem Garten (Autor toller Bücher):

Boote, Yachten, Klein Schifffahrt aus Bremen Hausschild 2012

Archiv der Nordwest Zeitung

Die Firmenbiografien der Lürssenwerft

Mehrere Quellen bei Wikipedia