Schulschiff-Vortragsreihe perfekt gestartet

Meeresforscher Prof. Smetacek faszinierte sein Publikum.

Wir bieten zwei Versionen der Berichterstattung.

„Niemals, während SCHULSCHIFF DEUTSCHLAND in Fahrt war, waren in diesem Raum mehr Menschen“, freute sich Claus Jäger, der Vorsitzende des Deutschen Schulschiff-Vereins, über die mehr als 100 Besucher in der Messe des Großseglers, die zum Start einer Vortragsreihe vom Meeresforscher Prof. Smetacek seine Einschätzung zum Befinden unserer Ozene hören wollten. Gast des Abends war Prof. Victor Smetaczek, Professor für Bio-Ozeanographie, der sowohl am Alfred Wegener Institut Helmholzzentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven als auch an der Uni Bremen forschte und unterrichtete. Während mehrerer Reisen an Bord des Forschungsschiffes POLARSTERN hatte er zudem Gelegenheit, zum Bio-Zustand der Ozeane zu forschen.

„Aber das ist eine ganz andere Geschichte“, beschränkte sich Victor Smetacek gleich mehrfach am Abend, um sich auf einen roten Faden seines Vortrages zu konzentrieren, der seine Laienzuhörer zunehmend faszinierte. Zum Start sorgten Milliarden von Jahren, Tausendstel eines Millimeters und die Tatsache für Erstaunen, dass die Menschen mit ihren Eingriffen massiv dazu beitrugen, dass nahezu sämtliche Großtiere in den Ozeanen in ihrem Bestand auf ein absolutes Minimum reduziert wurden. „Erinnern Sie sich an den Krill, der noch in den Achtzigern zu unserer zukünftigen Ernährung wesentlich beitragen sollte?“ Diesen Krill gäbe es kaum noch, ausgestorben sei er beinahe, wie die Blauwale auf der südlichen Halbkugel, von denen er trotz jahrelanger Aufenthalte dort noch niemals ein Exemplar gesehen habe.

Im ersten Teil seines Vortrages beschrieb Prof. Smetacek das Plankton, die Mikroorganismen, die Einzeller sowie die Kieselalgen als kleinen Ausschnitt aus der Biostruktur unserer Meere. Er berichtete von den deutschen Meeresforschern des 19. Jahrhunderts, denen wir noch heute nahezu alle grundlegenden Erkenntnisse zu diesem Thema verdanken. Seine anschauliche Art auch eher trockene Themen zu präsentieren, vermittelte bei vielen Zuhörern ein authentisches Bild zum Zustand unserer Ozeane, die weitgehend als „biologische Wüste“ zu bezeichnen seien. Vor allem die Fähigkeit, CO2 aus der Atmosphäre aufzunehmen und zu absorbieren, sei verlorengegangen. Damit beschrieb Prof. Smetacek seinen letzten Forschungsschwerpunkt, der möglicherweise zu den bedeutendsten des kommenden Jahrzehnts werden könnte. Was dem Wasser fehle, sei Eisen. So wie vielen Menschen, die den Eisenbedarf ihres Körpers per Pille decken. Dass dies auch auf den Ozeanen möglich sein, konnte Prof. Smetacek überzeugend darlegen.

Von Bord der POLARSTERN hatte er tonnenweise Eisenoxyd ins Meer geschüttet und die Veränderungen wissenschaftlich dokumentiert. Die Erfolge seien überwältigend und in seinem Kopf, so Victor Smetacek, seien bereits schwimmende Inseln entstanden, die mit Hilfe von Solarenergie zur Lösung des Eisenproblems auf den Ozeanen beitragen könnten.

Was blieb war bei vielen Zuhörern der Wunsch, mehr über dieses Thema von dem in Bremerhaven lebenden Forscher zu hören, der in Indien geboren wurde, nachdem sein sudetendeutscher Vater 1938 emigrierte.

Das nächste Thema in der Vortragsreihe an Bord von SCHULSCHIFF DEUTSCHLAND wird sich am 30. August mit dem „Mysteriösen Helm aus der Lesum“ beschäftigen. Gast wird dann die Archäologin Prof. Uta Halle sein,  Professorin für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Bremen.


Wir waren zu Zweit an Bord von SCHULSCHIFF DEUTSCHLAND und haben uns den Vortrag von Prof. Smetacek angehört. Deshalb bieten wir hier auch einen alternativen Bericht:

„Aber das ist eine ganz andere Geschichte…!“

…ist die meistgebrauchte Beteuerung, die Prof. Dr. Victor Smetacek vom Bremerhavener Alfred-Wegner-Institut benutzt. Der große Raum im Bauch von Schulschiff Deutschland ist bis auf den letzten Sitz- und Stehplatz gerammelt voll. Es sind viele Interessierte gekommen, um dem Meeresbiologen zuzuhören, wenn er über das Sterben und die Vermüllung unserer Weltmeere berichtet.

Sein Name ist tschechisch, seine Wurzeln liegen in Indien und wenn er nicht auf Forschungsreise ist, an Hochschulen doziert oder Vorträge hält, dann züchtet er Bambus im eigenen Garten. Diese Sprossen sind für ihn eine Köstlichkeit und darum hat er auch immer welche im Gefrierschrank vorrätig. Doch das ist eine andere Geschichte….

Trotzdem: Einen Bambusstock hat der quirlige Siebzigjährige von zuhause mitgebracht – so als Zeigestock für die Bilder, die an die weiße Wand projiziert werden. Wenn er den Stock senkrecht auf den Boden stellt, reicht er bis zur Salon-Decke – zentimetergenau und wie abgemessen.

Unsere Erde und unsere Meere sind Milliarden Jahre – oder waren es etwa doch Millionen Jahre – auf alle Fälle uralt und sie haben viel gesehen und erlebt, berichtet der Professor.  Große Tiere kamen und gingen – also Dinos und Mammuts – und die Erde und die Ozeane waren intakt. Irgendwann veränderte sich das Gleichgewicht, erzählt er uns spannend und lebendig. Manchmal kommt er vom Hölzchen aufs Stöckchen – kein Wunder, der Mann hat was auf dem Kasten, er hat viel zu erzählen und die Anwesenden hängen an seinen Lippen, stellen Fragen und warten interessiert auf mehr. „Menschen sind Landtiere“ sagt er „…und Nacktschnecken investieren eben in Schleim, denn sie haben nun mal kein Haus drumrum!“

Nacktschnecken – igitt – an den vergangenen Regentagen waren jede Menge davon auf Achse! Aber das ist eine andere Geschichte….

Die Zeit verging wie im Fluge, die Luft im rappelvollen Vortragsraum wurde immer stickiger und eine Pause dringend nötig. Nach dem frische-Luft-schnappen, einem schnellen Glas Wasser und dem Anstehen vorm stillen Örtchen ging’s mit Algen, Fischlaus, Krill, Plankton und Ruderfußkrebsen ungemein spannend weiter. Diese Tierchen schweben alle durchs Wasser und so lange sie schweben, geht’s ihnen gut; erst wenn sie auf den Meeresboden sinken, dann sind sie tot, lautet die Erkenntnis aus den Schilderungen des Fachmannes.

Professor Smetacek hat Algen wohl besonders in sein Biologenherz geschlossen. Von diesen Meeresbewohnern erzählt er scheinbar total gerne. Es sind absolute Wunderwerke der Schöpfung und noch viele Wundertütengeheimnisse halten sie in sich verborgen. „Sie sind feinste Ingenieurs-Technik“ schwärmt er. „Und wie Flugzeuge in Leichtbauweise und Autofelgen funktionieren kann man von ihnen lernen!“ Seine Augen leuchten, wenn er über Killer-, Kalk- und Kieselalgen berichtet. Immer wieder bleibt er verbal bei den Kieselalgen hängen, die haben es ihm wirklich angetan. Sie sind robust, haben so gut wie keine Feinde, sie sterben zumeist eines natürlichen Todes. Das Fazit könnte lauten: Von diesen Tierchen lernen, heißt siegen lernen!

Unsere Meere brauchen Hilfe, wir müssen sie retten! Das ist die dringende Botschaft die Professor Smetacek berechtigterweise laut in die Welt posaunt. Man kann nur wünschen, dass seine Stimme von vielen gehört wird, die Ideen und Geld spenden, um all das Schöne und Einzigartige zu erhalten. Aber auch das ist vermutlich wieder eine ganz andere Geschichte….