„Sie wäre beinahe eine sehr schöne Vegesackerin geworden!“

Mehr Symbolik geht kaum: Im Vordergrund dieses Fotos eines unbekannten Autors die „Nordische Jagt NORDEN“, 1870 in Norwegen gebaut, und gleich dahinter die BV 2 VEGESACK, 1895 als Heringslogger in Vegesack in Dienst gestellt. Beide historischen Segler standen in der engeren Wahl, nachdem 1987 der MTV Nautilus in Vegesack gegründet wurde.  Nach einem Besuch im Vegesacker Museumshaven und einem Helgoland-Törn waren sich die MTV-Aktiven einig: Der Restaurationsaufwand für die NORDEN war zu groß. Außerdem war der Wunsch zu segeln, deutlich größer als der Wunsch, aufwändig zu restaurieren. Man entschied sich für das Vegesacker Flaggschiff, die BV2.


Zu den unendlich vielen tollen Veranstaltungen, die der Coronakrise „zum Opfer“ fielen, gehörte die Jahreshauptversammlung der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Museumshäfen. Den Rahmen dafür bildete das Wintertreffen der Freunde des Gaffelriggs, das zum ersten Mal in Vegesack stattfinden sollte. Mit im Programm im Thiele-Speicher sowie in der Messe von SCHULSCHIFF DEUTSCHLAND stand ein Vortrag von Peter Fleck zum 150. Geburtstag der Nordischen Jagt NORDEN, die in Vegesack ganz besondere Erinnerungen geweckt hat.

„Von den Meisten wohl schon erwartet“, schrieb der Vorsitzende des Museumshaven Vegesack, Rolf Noll, „ist das Treffen der Freunde des Gaffelriggs abgesagt!“ – Wie so viele Veranstaltungen in diesen Frühlings-Tagen ist damit ein interessantes Treffen für das maritime Vegesack (Corona-begründet) aus dem Kalender „gefallen“. Dabei hätte es jede Menge interessante Informationen geboten. Auch zu einem 29 Meter langen Traditionsschiff, das vor mehr als 30 Jahren in Vegesack eine besondere Rolle spielte.

„Heute segeln wie gestern“, lautet das Motto der NORDEN, die 1870 im norwegischen Skonevig gebaut und bis 1976 als Küstenfrachter im Einsatz war. Zuletzt vor allem für Holz und Trockenfisch, wie Peter Fleck anlässlich einer Hanse-Sail der Reporterin der Norddeutschen Neuesten Nachrichten erzählte. Noch bevor Fleck 1988 den historischen Segler – „damals ein Wrack“, wie er sich erinnert – erwarb, fand das kleine Stück Vegesack im Leben der NORDEN statt.

Gründungsvorsitzender des MTV-Nautilus, Uwe Forst, hatte sich seiner Marine-Vergangenheit folgend, „schwimmende Einheiten“ zu betreiben, als einen wichtigen Zweck im Verein dargestellt. Prompt folgte schon im Gründungsjahr des Vereins, 1987, die Suche nach entsprechenden schwimmenden Aspiranten. Wer auch immer die NORDEN in die Vereinsdiskussion brachte: Irgendwann gab es einen Besuch der Nordischen Jagt im Vegesacker Hafen und einen Helgoland-Törn mit entsprechender fachkundiger Begleitung von Spezialisten aus dem MTV Nautilus.

Was kurz danach auch Peter Fleck feststellte, führte bei den Vegesackern letztlich zur ablehnenden Schlussbeurteilung: Das Schiff wies einen enormen Sanierungs- und Restaurierungsbedarf auf! Auch wenn die NORDEN, 25 Jahre jünger als ihr Schwesterschiff GRÖNLAND (heute im Besitz des Deutschen Schifffahrt-Museum Bremerhaven) ein enorm attraktives Traditionsschiff war. Der Schiffstyp Nordische Jagt wurde über lange Zeit auf der Werft von Matre Toleff Toleffsen, in Skanevik, nördllich von Stavanger gebaut – meistens mit einem verstärkten Bug für den Einsatz im Packeis.

Peter Fleck nutzt die NORDEN als Familien- und Gästeschiff. „Unsere Kinder sind hier quasi groß geworden“, blickt seine Frau Heike zurück. Doch in der zweiten Funktion wird das Überleben immer schwerer. Einige Zehntausend Euro Unterhalt verschlingt die NORDEN alljährlich. Geld, dass nicht mehr so ganz leicht während der großen maritimen Meetings in Kiel und Rostock und anderswo eingefahren werden kann. Ihren aktuellen Törnplan hat die NORDEN noch nicht online (www.jagtnorden.de) gestellt, ist also für Wünsche ziemlich offen – auch für ganz außergewöhnliche. Denn auf der Website wird darauf hingewiesen, dass selbst Heiraten an Bord zum Repertoire des 150 Jahre alten Oldtimers gehört.

Vielleicht wird ja die Corona-bedingt ausgefallene Veranstaltung in Vegesack im kommenden Jahr wiederholt und Peter Flecks Vortrag steht erneut im Programm. Dann haben die Freunde des maritimen Vegesack erneut die Gelegenheit, mehr über den Segler zu erfahren, der „fast eine sehr schöne Vegesackerin geworden wäre“.