Teil 2 der Vertens-Geschichte: es ist auch dort Vegesack dabei

Der Schlüsselsatz aus dem ersten Teil lautet: „Dann erkrankt Karl Vertens und zieht sich mit seiner Frau Käthe auf Gut Winning zurück und wollte Landwirt werden.“ Wer der Vita von Karl Vertens davor gefolgt war, kann sich den genialen Yachtkonstrukteur beim Ackerbau schlicht nicht vorstellen. Und genauso war es auch.

Gut Winnings liegt nur wenige Kilometer von Schleswig entfernt, direkt am malerischen Teil der Schlei. Dort, wo Vertens Vorfahren mehr als 200 Jahre lang als Drechsler und Brunnenbauer tätig waren. Offenbar konnten sich auch andere Weggefährten diesen fundamentalen Berufswechsel nicht vorstellen. Ein ungenannt gebliebener schwedischer Geschäftsfreund soll Vertens so lange „bearbeitet“ haben, bis der sich eine Bandsäge und zwei Hobelmaschinen anschaffte, die Gutsscheune ausbaute und dort eine 25-Meter-Motoryacht zu bauen begann. Bevor die RAPID V im Sommer 1930 in die Schlei entlassen werden konnte, wurde ein 350 Meter langes Gleis von der Scheune bis ans Schleiufer verlegt und eine der Außenmauern der Scheune musste weichen.

Das war der Start der OSTSEEWERFT, die fortan eine große Zahl von 30-qm „Vertens-Kreuzer“ ablieferte und damit sogar beim Deutschen Segler-Verband die Anerkennung einer „nationalen Einheitsklasse“ erhielt. WINNING I, Vertens eigenes Schiff, war die VINETA mit dem Segelzeichen „Karo I“ und einige der Vertenskreuzer sollen noch heute – größtenteils toll restauriert – an der Küste zu entdecken sein.

Bausätze als große Innovation

Seinerzeit wurden viele Segelschiffe im Selbstbau hergestellt. Voraussetzung dafür war damals, dass die Pläne offengelegt und der Bausatz zu einem Preis von weniger als 3.000 Reichsmark zu haben war (plus 300 RM für die Besegelung).  Möglich war dies, weil beim Vertens-Kreuzer möglichst viele Bauteile vor dem Zusammenbau nach Schablone zuzuschneiden waren.

„Aufgeben oder anpassen“ hieß es 1939 nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Karl Vertens Antwort waren Minenräumboote und Torpedo-Fangboote. Dazu wurde die Werft näher ans Wasser gerückt und eine 50 mal 20 Meter große Halle entstand. Vertens verbesserte auch ein bereits konstruiertes Tragflächenboot, das sich jedoch als zu schwer erwies und danach in der Vertens-Version mit mehr als 100 Stundenkilometer schnell über die Ostsee flitzte. Eine dritte Version dieser neuartigen Schnellboote glitt sogar, dank eines Strahltriebwerks, mit 125 Stundenkilometer übers Meer.

Diese Tragflächenboote in einer zivilen Version waren in der Nachkriegszeit auch einer der Verkaufsschlager der Ostseewerft in Winning. 6,20 Meter lang, 100 Stundenkilometer schnell und 100.000 D-Mark teuer soll das Boot gewesen sein, das Reeder Onassis bei den Vertens in Auftrag gab und 1953 von seiner Frau abnehmen und abholen ließ.

Was folgte, war ein Gemischtwaren-Auftragsbuch in dem Yachten, Motorkreuzer, Dienstboote für Behörden und andere Einrichtungen dominierten. Ab 1964 keine Segelyachten, sondern nur noch Motorkreuzer, die dann auch die Marke VERTENS-KREUZER übernahmen. Herausragend: 1977 entstanden in Winning zwei Staatsyachten, jeweils 20 Meter lang, im Auftrag vom ägyptische Staatspräsident Anwar-el-Sadat bei den Vertens.

Im Frühjahr 1973 starb Karl Vertens, 92-jährig, in Winning. Ein genialer Yachtkonstrukteur, der über Jahrzehnte den Yachtbau in jeder Größe mit Innovationen beleben konnte.

Als der Holzbootsbau in den Achtzigern zur „teuren“ Nostalgie wurde und wirtschaftliche Rahmenbedingungen den Betrieb nicht mehr trugen, schloss sein Sohn Fritz Vertens 1985 die Ostseewerft in Winning.

Und hier sind sich die Geschichtsschreiber erstmals nicht mehr so ganz einig. Einige Quellen sagen, dass Fritz Vertens – noch bevor er 1985 mangels eines Nachfolgers die Werft schloss – zustimmte, die Namensrechte an den Vertensyachten an den Sohn eines ehemaligen stillen Teilhabers der Werft zu übertragen. Angehörige der Familie Vertens widersprechen an dieser Stelle. Tatsache ist aber: Stefan Schreiber, studierte zu diesem Zeitpunkt noch Medizin, entschloss sich dann jedoch zu einem Ingenieurstudium.

Sein Neustart der Vertens-Bootsfertigung und auch die Vermarktung waren durchaus erfolgreich. Gebaut wurde zunächst in Schweden bei Anytec. Doch es war nicht die Zeit für Kleinserien.

Und so schließt sich der Kreis dieser Geschichte wieder in Vegesack. Diesmal bei Jörg Beiderbeck, dem leider verstorbenen Yachtkonstrukteur aus dem alten Speicher, mit dessen Hilfe Schreiber Individualyachten in Litauen bauen ließ. Doch die Bankenkrise 2008 verhinderte auch diesen Erfolgsweg.

Dennoch existiert die Marke Vertens noch. In Ellerau bei Hamburg berät Stefan Schreiber die Eigner von alten Vertens-Yachten und verkauft superschnelle Daycruiser aus Aluminium von bis zu 100 Stundenkilometern Geschwindigkeit.

 

Diese Quellen haben uns bei der Recherche geholfen:

Die Familie Vertens: http://www.vertens-werft.de/

Vertens-Bootsbau: www.vertens.de

Die neue Werft: https://www.vertens.com/aboutus.html

Boots und Schiffbauer-Verband Vertens

https://www.dbsv.de/sites/default/files/bootswirtschaft/pdf/vertens.pdf

Klaus auf dem Garten (Autor toller Bücher):

Boote, Yachten, Klein Schifffahrt aus Bremen Hausschild 2012

Archiv der Nordwest Zeitung

Archiv des Deutschen Segler-Verbandes (DSV)

Die Firmenbiografien der Lürssenwerft

Mehrere Quellen bei Wikipedia