Untergang des Lash-Carriers MÜNCHEN: Zwischen Kaventsmann und U-Boot-Kollision

MTV-Nautilus-Klönrunde über die Rätsel um eines der schwersten Unglücke in der jüngeren deutschen Handelsschifffahrt

Typisch Vegesack! Rund 30 Zuhörer und Mitdiskutanten – zum großen Teil ehemalige Fahrensleute, Nautiker wie Ingenieure, waren ins Nautilushaus gekommen, um sich noch einmal an eines der größten Rätsel unter den Seenotfällen mit deutschen Schiffen zu erinnern. Gerald Sammet hatte das Thema aufbereitet und führte durch die teils spannende fachlich auf hohem Niveau geführte Diskussion.

Es ging um die MÜNCHEN, ein in Bremen beheimatetes Frachtschiff der Reederei HapagLloyd. 261 Meter lang, 32 Meter breit und mit 28 Personen an Bord auf einer Reise von Bremerhaven nach Savannah (Georgia) an der Ostküste im Süden der USA. Zum 62. mal überquert der Lash-Leichter (LASH Lighter Aboard Ship) im Dezember 1978 den Atlantik. Das Schiff, auf der Cockerill-Werft, im belgischen Hoboken bei Antwerpen sechs Jahre zuvor gebaut, transportierte in Zweierreihen und jeweils zwei auf Deck und drei Unterdecks Leichter. Diese überdimensionalen selbstschwimmenden Container mit einer Länge von beinahe 19 Metern und einer Breite von 9,50 Metern, wurden vom bordeigenen 500-Tonnen Portalkran an Bord gehievt. Damals, im Dezember 1978 alles nicht neu und auf Dutzenden von Schiffen weltweit im Einsatz.

Lashleichter im Rotterdamer Waalhaven mit dem Schwesterschiff Bilderdyk (später Rhine Forest) der München. Foto: Stunteltje at Dutch Wikipedia, Lashbakken in de Waalhaven, CC BY-SA 2.5

Und noch etwas gehört zu der Erinnerung an diesen spektakulären Seenotfall: 1978 – das war der Kalte Krieg. Das gab es die sowjetischen Trawler mit den großen Antennen, denen eher Spionage als erfolgreicher Fischfang zugetraut wurde, es gab die US-amerikanischen Atom-U-Boote, von denen kaum 10 Jahre zuvor zwei – unter bis heute mysteriösen Umständen – gesunken waren. Und es gab politische Mauern, durch die kaum Erkenntnisse drangen.

Und es gab aus heutiger Sicht vieles nicht, was die spannende Diskussion im MTV Nautilus ebenfalls bestimmte: Es gab keine Satelliten-Navigation und -Kommunikation, automatisierte Standortbestimmungen (AIS) und digitalisierte Übertragungsqualitäten. Tastfunk (Morsefunk) war vor allem in Notfällen noch das Mittel der Wahl und die Qualität des Grenzwellen-Sprechfunks auf der 2182-Notfrequenz muss sich der Laie wie einen Ausflug ins Kurzwellen-Radio vorstellen. Dies alles stand im Mittelpunkt eines Seenotfalls, der am 12. Dezember 1978, kurz nach Mitternacht, noch vermeidbar schien. Jörg Ernst, der erfahrene Funkoffizier der MÜNCHEN, führt noch ein nächtliches Kollegengespräch mit dem 2400 Seemeilen (ca. 4.400 km) entfernten deutschen Kreuzfahrtschiff CARIBE. „Bis bald mal“ verabschiedet sich Jörg Ernst von seinem Kollegen. Das Wetter sei schlecht, Bullaugen bereits eingeschlagen und „das Grüne an Deck“, wie die Seeleute die überkommenden Seen beschreiben.

Bis zu diesem Punkt reicht die Dokumentation. In alles, was danach passierte, hat das Seeamt Hamburg sich aufwändig bemüht, Licht zu bringen – weitgehend ohne Erfolg. Um etwa 3 Uhr in der Nach gibt es einen Notruf. Dieses SOS wird von dem griechischen Frachter MARION sowie dem sowjetischen Schiff MARYA YERMOLAVA aufgefangen und weitergeleitet. In Frankreich, den Azoren, auf Island und bei der zuständigen britischen Coast Guard in Lands End laufen Notmaßnahmen an. Schiffe und Flugzeuge reihen sich in Suchschleifen ein – insgesamt 10 Tage dauert die Suche unter Einsatz von Schiffen und Flugzeugen. Ausgelöst wohl mit einer anfangs falschen Position. Was nach Tagen 100 Seemeilen entfernt gefunden wird, kann heute im Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven betrachtet werden: Eine Seenotboje sowie die Reste eines unbemannt gefundenen Rettungsbootes. Beides mit großer Gewalt vom Schiff getrennt.

Zwei Tage vor Weihnachten, am 22. Dezember 1978, wird die Suche offiziell beendet. 10 Tage später findet ein Trauer-Gottesdienst im Bremer Dom statt, in dem sich die Reederei, die Familien der Besatzungsmitglieder und etliche Weggefährten von den 28 Männern und Frauen verabschieden. Von denen nie wieder etwas gefunden wurde.

LASH-Carrier Rhine Forest ex. Bilderdijk 2006 in Rotterdam, (gebaut 1972 in Belgien, abgewrackt 2008 in Chittagong). Schwesterschiff der München. Foto: frei

Gerüchte, was damals wirklich passiert ist, gibt es viele. Eine U-Boot-Kollision könnte es gewesen sein, ein „Kavenzmann“ wie die Seeleute bis zu 30 Meter hohe Wellentürme benennen oder übergehende Ladung die zum Kentern und Untergang des Schiffes führte. Auch im militärischen Bereich werden Vermutungen geäußert. Danach hatte unmittelbar nach dem Notruf ein sogenannter U-Boot-Finder, ein Seefernaufklärer von Typ Lockheed P-3 Orion die vermutete wie die tatsächliche Unfallposition mit seinem Radarfeld abgetastet und keinerlei Kontakt mehr dokumentiert. Aber: Es war Kalter Krieg und nicht alles, was technisch möglich war, führt auch zur öffentliche Information.

Was bleibt noch zu berichten? Eine hochinteressante Veranstaltung mit sehr viel Kompetenz – sogar einem HapagLloyd-Inspektor, der damals auch vor dem Seeamt als Fachkundiger aussagte. Die Klönrunde als inzwischen etablierte Veranstaltungsreihe für maritim Interessierte und das Nautilushaus als ein Veranstaltungsort, der maritimer kaum sein kann.

Eine Anmerkung:

Wer sich selbst ein Bild vom See-Unfall der MÜNCHEN machen möchte, dem empfehle ich zwei Websites:

http://www.seefunknetz.de/deat.htm

https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%BCnchen_(Schiff,_1972)