WÄTJEN – ein Name für viel mehr als einen Park

Am 20. November um 17 Uhr wird dieses Buch offiziell im Heimatmuseums Schloß Schönebeck vorgestellt. Anmeldung: post@museum-schloss-schoenebeck.de. vegesack.maritim.de hat schon mal reingeschaut.


Es gibt eine Bushaltestelle im Bremer Norden, in Schwachhausen ein Familiengrab mit Skulptur sowie eine Straße und einen Park zwischen Blumenthal und Vegesack. Aber an die Reederei Wätjen erinnert in Bremen ansonsten wenig. Das wird sich jetzt ändern. Der Schünemann-Verlag hat ein Buch herausgegeben, das einen tiefen Einblick in die Familie, die Reederei und ihre Aktivitäten sowie die begleitende Zeitgeschichte erlaubt. Auf den mehr als 200 Seiten dieses sehr schön und traditionell gebundenen Buches dominieren aufwändige Reproduktionen von sogenannten Kapitänsbildern. Das sind nicht etwa Darstellungen der Kapitäne, sondern vielmehr ihrer Schiffe. Marinemalerei vom Feinsten, die einen tiefen Einblick in die Handelsschifffahrt des 19. Jahrhunderts erlaubt. Für den Autor und sicher sehr viele Leser hervorzuheben ist die Tatsache, dass dieses Buch für 24,50 Euro verkauft wird. Sicher von der Familie „subventioniert“.

Neben dem Kunsthistoriker Eduard Wätjen (Jg. 1970) aus Dresden sowie Hennig Wätjen (Jg. 41), ein Controller, der die Analyse der noch vorhandenen Kontorbücher übernahm, ist der gebürtige Blumenthaler Dr. Peter-Michael Pawlik Autor des Buches. Seine Buchreihe „Von der Weser in die Welt“ setzt Maßstäbe unter den Büchern der Schifffahrts- und Werften-Historie dieser Region. Sein sehr hoher Qualitätsstandard wurde bei dem jetzt vorgelegten Buch eingehalten, was das Lese- und Betrachtungserlebnis ohne Zweifel noch erhöht.

Diedrich Heinrich Wätjen kam als 15jähriger nach Bremen. Erstieg sehr schnell zum Inhaber eines Reedereibetriebes mit seinem Namen auf, wurde zum Bremer Senator gewählt und zeichnete sich auch durch zahlreiche humanitäre Leistungen aus.

Die Struktur des Buches folgt der Familiengeschichte sowie dem Unternehmen, das 1821, also vor genau 200 Jahren, gegründet und im Laufe des Ersten Weltkrieges seinen Betrieb einstellte.  Im Anhang sind ein Register der Schiffe, ihrer Kapitäne sowie der Marinemaler angefügt. 119 Schiffe betrieb die Reederei in der Spitze und gehörte damit zu den ersten Schifffahrtsadressen in Europa. In einigen Quellen wird das Unternehmen sogar als die „weltweit größte Segelschiff-Reederei“ dargestellt. Ein wesentlicher Teil der Schifffahrtsaktivitäten fand von England und Schottland aus statt, auch der Bau der Wätjenflotte wurde ganz wesentlich dort abgewickelt. Allein auf der Werft von Alex. Stephen & Sons in Glasgow liefen für die Wätjens in der Zeit von 1869 bis 1878 elf eiserne Barken vom Stapel.

Dieses Manuskript soll sich nicht allein auf die Rezension des sehr zu empfehlenden Buches beschränken. Vegesack-maritim.de hat noch ein wenig weiter recherchiert. Zum Beispiel zum Gründer des Unternehmens, Diedrich Heinrich Wätjen (1785-1858), der, wie im Buch dargestellt, im Jahr 1800 als 15jähriger zur Ausbildung nach Bremen kam. Der Bauernsohn aus Ochtmannien bei Vilsen in der Nähe von Hoya stieg bereits als 33jähriger 1818 zum Teilhaber der Fima Schaer & Co. (später Schaer & Wätjen) auf. Das Unternehmen firmierte 1821 unter Wätjens Name als Reedereibetrieb.  Die Brigg LOUISE war das erste Schiff des Unternehmens. Ein Zweimaster, der 1818 als JOHANNA in Vegesack bei Johann Lange vom Stapel lief. Wätjen nannte den 23 Meter langen und 63 Tonnen (180 Tonnen Last) tragenden Segler LOUISE. Das Schiff transportierte nach den Recherchen des Autoren-Trios vor allem Tabak, Zucker, Kaffee sowie Wein aus Bordeaux. Nur sechs Jahre später strandete LOUISE auf der Ausreise nach Tampico vor Langlütjensand in der Wesermündung und wurde danach als Wrack verkauft. Die Reederei aber wuchs unaufhörlich. Vor allem, nachdem Wätjen den in Bremen angesehenen Kaufmann Ernst Ferdinand Gabain mit 25 Prozent vom Gewinn als Teilhaber in seine Reederei aufgenommen hatte.

Der „Landsitz“der Wätjens, wie er in der Familie genannt wurde. Für die Blumenthaler war das „Wätjens Schloß.“

1837 wählte man Diedrich Heinrich Wätjen sogar zum Bremer Senator (bis zur Revolution von 1848 ein Wahlamt auf Lebenszeit) und schätzte ihn als Liberalen, der mit den Staatsmännern Duckwitz und Smidt bestens kooperierte. Der Kauf der Flächen in Geestemünde und die Gründung Bremerhavens darauf, fielen in diese Zeit. Maßgeblich, so heißt es in einigen historischen Quellen, war Wätjen zudem an den Vorarbeiten für die neue Bremische Verfassung von 1848/49 beteiligt. Die Liste seiner Ehrenämter ist lang und sein Engagement in der Diakonie der Bremer Domgemeinde und in der Verwaltung eines Waisenhauses wird als vorbildlich bezeichnet.

1851 wurde Diedrich Heinrich Wätjen zum zweiten Mal Witwer und zog sich danach weitgehend aus den Geschäften zurück. Er wohnte vorwiegend auf seinem Landsitz in Blumenthal und starb 1858.

Das Unternehmen D.H. Wätjen hatte von Beginn an auf Größe und Leistungsfähigkeit gesetzt. Während die LOUISE 1821 noch 60 Tonnen Last aufnehmen konnte, transportierten die an der Unterweser gebauten Nachfolgeschiffe, die zur Atlantiküberquerung gedacht waren, bis zu 420 Tonnen Last oder 100 Auswanderer. Tabak und Baumwolle gehörten zu den bevorzugten Rückfrachten und teils exklusive Agenturverträge mit ursprünglich Bremer Unternehmen, die nun in der „Neuen Welt“ angesiedelt waren, verstetigten den Unternehmenserfolg. In den 50er Jahren lieferten die Werften Segler in völlig neuen Dimensionen. Es war wiederum Johann Lange aus Vegesack, der damals das Flaggschiff der Wätjen-Flotte lieferte. Die D.H. WÄTJEN I war mit 1.360 Registertonnen vermessen und transportierte bis zu 500 Passagiere nach Amerika und übernahm wiederum Tabak und Baumwolle für den Transport nach Europa.

Der Junior, genannt „Christel“: Christian Heinricht Wätjen.

1837 war der Junior Christian Heinrich ins Unternehmen eingestiegen und startete mit den ersten Wätjen-Investitionen in den Walfang in der Südsee. Schon zuvor hatte man sich mit dem Walfang vor der grönländischen Küste beschäftigt, doch die Erlöse wurden von Wätjen als unbefriedigend bezeichnet, ein letztes Fangschiff ging in norwegische Hände über und das Thema Walfang von Bremen aus wurde beendet.

Die in dem Buch dokumentierte Reedereigeschichte der Familie Wätjen zeigt ein Abbild der Technik- und Handelshistorie des 19. Jahrhunderts. Handels- und Abrechnungstechniken, neue Schifffahrtswege – zum Beispiel durch den Suezkanal – oder die gebrochenen Verkehre mit dem Schiff über den Atlantik und der Eisenbahn quer durch die USA als dem kürzesten Weg zur Westküste der „neuen Welt“. Der Aufbau der Warenbörsen in den Handelsmetropolen der Welt stellte die international tätigen Reeder ebenso vor neue Herausforderungen wie die Einführung der Telegrafie die Disposition der Schiffe revolutionierte.

Christian Heinrich Wätjen. Er starb, 74jährig, 1887, nachdem er das Familienunternehmen 40 Jahre lang geführt hatte.

Für die Zeit nach dem Tod von Christian Heinrich Wätjen 1887 werden von den Autoren deutlich weniger positive Geschäftsverläufe gemeldet. Über Jahre hinweg scheint sich die Erbengemeinschaft vorwiegend mit sich selbst beschäftigt zu haben. Es wurde Betriebsvermögen verkauft und die Flotte reduziert. Die Zahl der Schiffe, die schwarze Zahlen schrieben, halbierte sich und bis 1913 verkam die einstmals stolze Flotte zu einem Gemisch aus drei älteren Schiffen mit einem Durchschnittsalter von 32 Jahren. Der Erste Weltkrieg tat ein Übriges und die für Bremen so einmalige Geschichte der Familie Wätjen und ihrer Schifffahrts- und Handelsaktivitäten ging zu Ende.

In dem Buch, das sich vor allem mit das Schifffahrtsgeschäft dokumentiert, kommt das „Landgut“ zwischen Vegesack und Blume

Bei Wikipedia heißt dieses Bild: Walfangflotte von D. H. Wätjen und Co. um 1840

nthal, wie Diedrich Heinrich Wätjen es nannte, natürlich so gut wie nicht vor. Die Geschichte der Familie, vor allem die Reederei und selbstverständlich die faszinierenden Reproduktionen der Kapitänsbilder stehen hier im Vordergrund.

Für die Menschen in unserer Region aber ist die einzige Verbindung zu diesem Familiennamen der wunderschöne Park, zwischen Vegesack und Blumenthal gelegen. Über rund 50 Hektar Flächen verfügte der Park kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert.

Nur neun Jahre nach der Gründung der Reederei 1821 kaufte Diedrich Heinrich Wätjen vier landwirtschaftliche Grundstücke auf dem Geestrücken zwischen den damaligen Ortschaften Blumenthal und Lobbendorf, um sich einen ländlichen Sommersitz zu schaffen, weiß Wikipedia. Und weiter: Vom Vegesacker Bauunternehmer Kimm ließ er sich darauf ein Landhaus in klassizistischem Stil errichten. Ein schlichtes, wie in anderen Geschichtsquellen zu lesen ist.

Den Entwurf für den Garten lieferte Isaak Altmann. In Bremen kein Unbekannter, denn auch die Bremer Wallanlagen stammen in der Gestaltung von ihm. Wätjen hatte für den Park als Vorbild englische Landschaftsgärten gewählt, wie sie ihm während seiner Aufenthalte in England besonders aufgefallen waren und ihn begeisterten.

Nach dem wirtschaftlichen Niedergang des Reedereibetriebes wurde der Park an die beiden Nachbarbetriebe Bremer Wollkämmerei AG und Bremer Vulkan AG verkauft und dabei geteilt. Über das wechselvolle Schicksal dieses landschaftlichen Kleinods berichtet Rainer Frankenberg, dessen Engagement im Interesse des Parks und seines inzwischen gegründeten Fördervereins die Dimension einer herausragenden Lebensleistung erreichte, unter Waetjens-park.de und auch bei Wikipedia ist die Darstellung der Parkanlage sehr umfassend. Und selbstverständlich geht das Erlebnis eines persönlichen Besuches über alle Berichterstattungen.

Zusammengefasst: Die durchaus lange Liste der Buchveröffentlichungen über das Bremer Schifffahrtsgeschehen der vergangenen Jahrhunderte sowie über die Geschichte von Vegesack und Blumenthal ist um ein weiteres Buch verlängert. Es findet sicher nicht nur einen guten Platz im Bücherregal des maritim interessierten Lesers sondern auch bei den Heimatkundlern, die hier einen profunden Einblick in die regionale Geschichte des 19. Jahrhunderts erhalten.

Wolfgang Kiesel

 

 

 

Familienfoto:

  1. H. Wätjen (Mitte sitzend, mit Hut auf den Knien) mit Familie, Bremen-Blumenthal 1885.

Von links nach rechts stehend: Louis Wätjen, Amalie Klugkist, C. Kraushaar (Stiefkinder aus der dritten Ehe C. H. Wätjens), Everhard Wätjen, Hedwig Wätjen geb. Löbbecke, Heinrich Wätjen, Anna Wätjen geb. Retemeyer, Joseph Hachez, Agnes Matthes geb. Wätjen, Ernst Matthes, Hermann Wätjen.

Sitzend: Josepha Wätjen geb. Lüling, Alice Wätjen geb. Heinze, George Wätjen, Henriette Wätjen geb. Knochenhauer, Christian Heinrich Wätjen, Magdalene Hachez geb Wätjen, Ursula Wätjen geb. Dietze, Clara Wätjen geb. Vautier, Carl Wätjen.