Zuhause bei den Vegesacker Heringsfängern

Der schwerste Job an Bord der Heringslogger: Das Befreien der Heringe aus den Netzen. In Heimsen erledigen Puppen in Ölzeug diesen harten Job. In der Wirklichkeit fuhr beispielsweise Kapitän Emme aus Heimsen mit dem Logger MEISE BV53 noch in den 1960er Jahren sieben Mal pro Saison hinaus und brachte knapp 4.600 Fässer (Kantjes) Salzheringe mit zurück nach Vegesack.


Ausflug des Museumsvereins führte ins „Heringsfängerland“ nach Heimsen

Von Vegesack aus sind es nur rund 120 Kilometer bis zum Ziel des Halbjahresausflugs des Vegesacker Heimat- und Museumsverein, den Petra von Seggern zielgenau organisiert hatte. Rund zwei Dutzend Teilnehmer dieser Busreise zeigten sich beeindruckt von einem Teil der maritimen Geschichte Vegesacks, den man hier nicht vermutet hätte.

Heinrich Klein aus dem Team des Heringsfängermuseums kann besonders authentisch über den Loggerfang berichten. Er selbst war noch auf einem Logger und zwar von der Glückstädter Loggerfischerei in der nördlichen Nordsee unterwegs. Später dann auf einem Fischdampfer in kanadischen Gewässern.

Ein Blick auf die Landkarte belegt die Besonderheit der Dörfer um Petershagen: Selbst in offiziellen Quellen ist diese Gegend als „Zipfel“ beschrieben, mit dem Nordrhein-Westfalen tief nach Niedersachsen hineinragt.  „Vegesack“ hat in diesen Dörfern nördlich von Petershagen einen ganz besonderen Klang: Dieser „Zipfel“ ist „Heringsfängerland“ – aus dem jahrzehntelang ein großer Teil der Vegesacker Loggerbesatzungen rekrutiert wurde! Heute erinnert das Heringsfängermuseum Heimsen an die Verbindung von Vegesack ins ostwestfälische Kernland, die offiziell vor genau 50 Jahren gekappt wurde. Damals, 1969, liefen die letzten beiden Heringslogger im Auftrag der Bremen-Vegesacker Fischerei-Gesellschaft zu einer Fangreise aus. Über die wechselvolle Geschichte der Heringsfischerei wird nirgends so spannend und umfassend berichtet, wie hier – weit von jeder Küste aber nur wenige hundert Meter von der Mittelweser entfernt.

Diese ungewöhnliche Kooperation hat eine Vorgeschichte. Die Niederlande wurden im 17. Jahrhundert nicht in den Dreißigjährigen Krieg hineingezogen, was damals zu einer großen Flüchtlingsbewegung aus Deutschland führte. Menschen aus Westfalen verdingten sich zu dieser Zeit gerne in Holland als Grasmäher, Torfstecher oder eben als Seeleute. Als Ende des 19. Jahrhunderts erfahrene Seeleute in Norddeutschland für die Saisontätigkeit im Heringsfang gesucht wurden, erwies sich für die Nachfahren der „Hollandgänger“ Vegesack als Glücksgriff. In den kleinen, landwirtschaftlich geprägten Dörfern in Ostwestfalen fuhr zeitweise ein Drittel der männlichen Einwohner zur See. Nicht wenige davon verloren auf den wochenlangen Fangreisen ihr Leben. Dennoch entwickelte sich in den mehr als 70 Jahren Heringsfang in Vegesack die nordbremer Fischerei-Gesellschaft zum wichtigsten Arbeitgeber an der Mittelweser.

Die Heringsfänger brachten Heuer und Wohlstand in die ostwestfälischen Dörfer. Darüber und über den harten Arbeitseinsatz auf den Loggern berichtet sehr authentisch die Ausstellung, die mit Hilfe der Stadt Petershagen zu einem geradezu vorbildlichen Museumsensemble entwickelt wurde. „Dafür gäbe es in Bremen kein Geld“, staunten denn auch nicht wenige Besucher aus Vegesack über das Museum, während ihres fachkundig geführten Rundgangs.

Die Sammlung aus Ausrüstungsgegenständen, Handwerkszeug und sogar Bekleidung der Heringsjäger (samt Kleiderbügel von Kass in Vegesack) vermittelt einen tiefen Einblick in die harte Arbeit an Deck der Logger – vorzugsweise nachts. Denn zumeist erst nach Mitternacht wurden die mehrere hundert Meter langen Stellnetze geerntet. Auch der Unterschied zu den deutlich weniger ökologischen Fangsystemen in Schleppnetzen wird in Heimsen anschaulich klargemacht. Der Hering als „Kaviar des kleinen Mannes“ besaß vor allem in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts eine deutlich größere Bedeutung für die „Volksernährung“.

Was bleibt nach dem Ausflug in den ostwestfälischen Zipfel? Ein tiefer Einblick in die Vegesacker Geschichte, den man sich auch hier gut vorstellen könnte.

Am 27. Oktober ist die letzte reguläre Öffnung des Museums in Heimsen in diesem Jahr. Über die fachkundigen Führungen auch zu anderen Terminen und viel mehr informiert die Website www.heringsfaengermuseum.de.